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Tuesday, 18. September 2018 · 23:38 Uhr
 
 
 

»Ein eigenes Stadion für den ESV wäre ein Gewinn für Dachau«

Thomas Urban ist für ein eigenes ESV-Eisstadion und für bescheidenere Olympische Spiele

Thomas Urban, Generalsekretär des Deutschen Behindertensportverbands, (Foto: Sessner Dachau)
 

Als Generalsekretär des Deutschen Behindertensportverbands (DBS) arbeitet Thomas Urban in Köln. Die Wahlheimat des gebürtigen Ulmers aber ist seit 20 Jahren Dachau. Zum Interview kommt er mit dem neuesten Hybrid-Auto gefahren. Als ehemaliger Leiter des Deutschen Alpenvereins (DAV) lebt und denkt der erfahrene Netzwerker umweltbewusst und liebt die Natur. Neben der Familie und der Arbeit für den Behindertensport liegen dem 54-Jährigen die Berge besonders am Herzen. Die (Para-)Olympischen Spiele sollten seiner Meinung nur an Orten stattfinden, an denen die Sportstätten nachhaltig genutzt werden.

KURIER: Erzählen Sie uns kurz ihre berufliche Vita?

Urban: Studium der Verwaltungswissenschaften und Politologie in Konstanz, erste Stelle beim Deutschen Leichtathletikverband in Darmstadt. Von 1992 bis 2012 beim Deutschen Alpenverein, davon zehn Jahre als Geschäftsführer. Von 2012 bis 2016 Sportamtsleiter in München und seit März 2016 Generalsekretär des DBS.

KURIER: Was sind Ihre Aufgaben im DBS?

Urban: Man suchte einen erfahrenen Verbandsgeschäftsführer, der den Verband fit für die Zukunft macht. Einerseits sind wir der größte Behindertensportverband der Welt und Nationales Paralympisches Komitee für Deutschland. Gleichzeitig verlieren wir Mitglieder, weil sich durch das Bundesteilhabe-Gesetz und der UN-Behindertenrechtskonvention die Rahmenbedingungen verändert haben.

KURIER: Wie wirkt sich das aus?

Urban: Der Verband war 1950 als Kriegsversehrtensportbund ins Leben gerufen worden. Das heißt: 80 Prozent unseres Angebots hat mit Rehabilitation zu tun. Inzwischen gibt es aber viele Reha-Sport-Anbieter. Das heißt, es gibt vermehrt kommerzielle Konkurrenz. Auch im Bereich Schulsport. Behinderte Schüler gingen früher in Förderschulen, jetzt besuchen sie immer öfter die normale Schule. Sportvereine und Turnerbund nehmen mehr und mehr Inklusionsangebote ins Programm und uns die Mitglieder weg.

KURIER: Wie steuern sie dagegen?

Urban: Wir begegnen diesem Trend mit verschiedenen Maßnahmen, so werden wir im Sommer eine große Kampagne zur Bekanntmachung des Behindertensports in Deutschland starten, die auch im öffentlich-rechtlichen TV zu sehen sein wird. Darüber hinaus setzen wir verstärkt auf ein hohes Ausbildungs-Niveau unserer ÜbungsleiterInnen, da uns das insbesondere von der kommerziellen Konkurrenz unterscheidet.

KURIER: Wie halten Sie es selbst mit dem Sport?

Urban: Ich habe lange aktiv Faustball gespielt und es bis zum Juniorennationalspieler gebracht. Seit meiner Kindheit liebe ich den Bergsport. Außerdem spiele ich Tennis bei den Tennisfreunden Dachau, gehe gern Laufen und fahre Rennrad. Auch meine Kinder sind gute Sportler. Beide spielen Handball, mein Sohn beim ASV in Dachau und meine Tochter in Schleißheim.

KURIER: Werden Sie bei den Winterspielen in Pyeongchang sein?

Urban: Ja, aber nur bei den Paralympics. Am 4. März geht es los. Wir werden vom Bundespräsidenten am Flughafen Frankfurt verabschiedet. Mitfliegen werden voraussichtlich 21 Athleten aus dem Bereich Ski alpin, Ski nordisch, Biathlon und Curling. Mit Anna Schaffelhuber aus München und einem guten Ski nordisch Team haben wir definitiv einige Medaillenanwärter an Bord. Eishockey haben wir leider verpasst, was ich persönlich bedaure.

KURIER: Warum?

Urban: Das Interesse wäre schon da, aber es gibt zu wenig Eiszeiten und zu wenig barrierefreie Sportstätten. In München zum Beispiel wurde die Olympia-Eishalle 1963 erbaut. Sie ist marode und müsste dringend saniert und barrierefrei ausgebaut werden. Das Eissportzentrum in Pasing am Westbad ist wegen der Leiheisbahn ungeeignet, es ist ökologisch und vom Energieverbrauch schwierig. Bei mehr als 8 Grad kann man sie nicht mehr nutzen. Für die Entwicklung des Para-Eishockey und den Behindertensport in Deutschland wäre eine Halle, wie der ESV Woodpeckers sie in Dachau plant, eine tolle Sache.

KURIER: Sie befürworten also das Projekt?

Urban: Auf jeden Fall. Aus meiner Zeit als Sportamtsleiter in München weiß ich: Auch ein kleiner Verein kann so etwas stemmen, weil er sich nur auf einen Kernbereich konzentrieren muss. Es gibt in Deutschland noch keine behindertengerechte Eissporthalle, die man das ganze Jahr über nutzen kann. Das würde von Dachau aus über ganz Süddeutschland strahlen. Und die Finanzierung scheint aus meiner Sicht solide geplant. Es gibt bereits positive Signale von Stiftungen, die das Projekt unterstützen würden. Und möglicherweise würde die VR-Bank ja sogar eine Ausfallbürgschaft übernehmen.

KURIER: Noch mal zu den Paralympics. Was halten Sie von Spielen an Orten ohne Wintersport-Tradition?

Urban: In Südkorea kennt man eigentlich nur Shorttrack und Eiskunstlauf. Schaut man mal auf den Eiskanal: Der kostete 98 Millionen Euro und die Nachnutzung ist gleich Null. Das halte ich für den falschen Weg. Für die Winterspiele 2022 blieben als Bewerber am Ende nur Almaty und Peking, nachdem sieben weitere Städte ihre Bewerbung zurückgezogen hatten. Das hat ja Gründe. Auch Sotchi war je eher ein abschreckendes Beispiel der großflächigen Umweltzerstörung.

KURIER: Was würden Sie ändern?

Urban: Ich finde, die Spiele sollten insgesamt wieder kleiner und bescheidener werden. Dann haben vielleicht auch wieder die Orte Interesse, die eine echte Wintersporttradition mitbringen.

KURIER: Wird der Klimawandel den Winterspielen nicht sowieso ein Ende setzen?

Urban: Die Prognosen sind in der Tat bitter. Nichtsdestoweniger sollten wir uns mit dem Klimawandel nicht einfach so abfinden. Jeder einzelne muss tun, was möglich ist, und die Politik muss weiterhin an den großen Rädern drehen. Wie dem Ausstieg aus der Kohle, der Mobilitätswende.

KURIER: Wie finden Sie es, dass sich Nord- und Südkorea über die Winterspiele annähern?

Urban: Es ist ein schönes Symbol, wenn diese beiden Staaten hinter einer gemeinsamen Flagge einlaufen. Die Kommunikation muss man nutzen. Aus sportlicher Sicht ist das gemeinsame Damen-Eishockey-Team eher fragwürdig. Die Südkoreanerinnen haben sich sportlich qualifiziert und vier Jahre intensiv vorbereitet. Jetzt müssen sie plötzlich sechs Spielerinnen aus Nordkorea integrieren. Das wird schwierig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Andreas Förster

Foto: Sessner Dachau