24.91°C

Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Friday, 19. July 2019 · 20:46 Uhr
 
 
 

»Die Technik steht nie im Vordergrund«

Bayerns Kultusminister Prof. Dr. Michael Piazolo im regiestuhl-Interview

Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo im Garten des Hotels Schwarzberghof in Webling. (Foto: Foto Sessner)
 

Auf Einladung des Arbeitskreises Schule, Bildung und Sport der CSU Dachau kam Michael Piazolo nach Dachau. Bei dem Treffen stellte er die bildungspolitische Digitalisierungsoffensive der Staatsregierung vor. Der KURIER hatte anschließend Gelegenheit, das Thema Digitalisierung an den bayerischen Schulen noch zu vertiefen.

KURIER: Sie sprachen von Fördermitteln im Zusammenhang mit dem digitalen Klassenzimmer. Kann man sich da noch bewerben?

Piazolo: Zur Unterstützung der Kommunen bei der Ausstattung der Schulen mit Sachmitteln hat der Freistaat unter anderem ein Förderprogramm zur Verbesserung der IT-Ausstattung aufgelegt. Dieses kommt öffentlichen Schulen genauso zugute wie Schulen in privater Trägerschaft. Fast alle Träger haben einen Förderantrag gestellt und Mittel bekommen. Zusätzlich zum Landesprogramm stehen in Kürze auch die Mittel aus dem Digitalpakt Schule bereit. So können wir die Kommunen und privaten Träger mit digitalen Geräten und der dazugehörigen Infrastruktur mit knapp einer Milliarde Euro unterstützen.“

KURIER: Wird jede Schule gleich ausgestattet?

Piazolo: Mir geht es darum, dass Unterricht von den Schülerinnen und Schülern her gedacht wird. Die Technik steht nie im Vordergrund, sie dient der Umsetzung pädagogischer und didaktischer Ziele. Jede Schule hat ihre eigenen Bedürfnisse, demgemäß haben die Schulen in den letzten zwei Jahren einen eigenen Ausstattungsplan erarbeitet. Sie haben sich überlegt, welche digitalen Werkzeuge sie brauchen, um ihre pädagogischen Ziele zu erreichen. Ein landesweites Netzwerk an Beratungslehrkräften unterstützt sie dabei. Die Schulen sind in engem Dialog mit ihrem Sachaufwandsträger. Zusammen stimmen sie eine sinnvolle Ausstattung vor Ort ab.

KURIER: Wie werden die Fördergelder verteilt?

Piazolo: Die Fördergelder werden entsprechend der Schüler- und Klassenzahl einer Schule auf die Kommunen und privaten Träger verteilt.

KURIER: Was sollte eine Lehrkraft leisten zu können, um das digitale Klassenzimmer zu einem Erfolg zu machen?
Piazolo: Unsere Lehrkräfte leisten hier eine wertvolle Arbeit: Sie wissen, wie man Medien verantwortungsvoll einsetzt und sind daher Vorbilder für die Kinder und Jugendlichen. Sie setzen Medien als Lernwerkzeug im Unterricht ein und zeigen den Schülerinnen und Schülern, wie man am besten mit ihnen arbeitet. Darüber hinaus sind sie Ansprechpartner für die jungen Menschen, wenn sie Rat und Unterstützung suchen. Das ist wichtig, weil soziale Netzwerke, Messenger-Dienste und Online-Spiele auch Probleme und Risiken mit sich bringen, die Kinder und Jugendliche häufig überfordern.

KURIER: Gibt es Fächer, die sich besonders für den digitalen Unterricht eignen?

Piazolo: Wir haben in Bayern bewusst kein Fach Medienbildung, weil wir überzeugt davon sind, dass alle Fächer dazu einen Beitrag leisten müssen und können. Digitale Bildung ist deshalb fächerübergreifend in den Lehrplänen aller Schularten verankert. In Deutsch kann man zum Beispiel bei der Buchvorstellung gut Präsentationstechniken einüben, in Sozialkunde über Fake News diskutieren oder im Kunstunterricht eine 3D-Druckerei besuchen. Wegen ihrer wachsenden Bedeutung das Fach Informatik einschließlich Informationstechnologie als Pflichtfach an den Mittel- und Realschulen und am Gymnasium eingeführt oder ausgebaut und zusätzliche Lehrkräfte ausgebildet.

KURIER: Worum geht es beim dem Masterplan Bayern Digital II?

Piazolo: Zurzeit wird ziemlich viel über Tablets und Whiteboards an Schulen gesprochen. Selbstverständlich – die Ausstattung muss zeitgemäß sein. Letztlich geht es aber doch um etwas ganz anderes: Im Zentrum steht die Frage, wie wir unsere Kinder und Jugendlichen zu freien und verantwortungsvollen Menschen erziehen können, die ihre Talente individuell entfalten. Deswegen zielt Medienbildung darauf ab, dass sich die jungen Menschen souverän in der digitalen Welt bewegen können. Das bedeutet viel mehr, als dass sie Geräte bedienen können.

KURIER: Welchen Aspekt sehen Sie auf einem guten Weg und wo braucht es größere Anstrengungen?

Piazolo: Mehr als die Hälfte der bayerischen Schulen ist schon mit WLAN ausgestattet. Wir haben heute 11.000 digitale Klassenzimmer in Bayern. Unser Ziel ist es, in etwa fünf Jahren insgesamt 50.000 Unterrichtsräume auf diesen modernen Stand zu bringen. Das ist eine große Anstrengung, bei der wir die Sachaufwandsträger aber intensiv durch die bayerischen Förderprogramme und den Digitalpakt Schule des Bundes unterstützen.

KURIER: Beim Aspekt Pflege/Wartung sprachen Sie über die Bayern Cloud. Können Sie das präzisieren?

Piazolo: Um die Kommunen als Sachaufwandsträger zu entlasten sind wir in intensiven Gesprächen mit Vertretern der Städte, Gemeinden und Landkreise. Ein Punkt, bei dem wir ansetzten wollen, ist die Betreuung der Software, die in der Schule verwendet wird. Heute müssen an jeder Schule vor Ort Updates installiert und Fehler behoben werden. Da wollen wir die Schulen entlasten. In einer »Bayern Cloud« Schule soll Software zentral bereitgestellt werden, um die sich dann vor Ort niemand mehr kümmern muss.

KURIER: Wie müssen sich die Lehrkräfte aufstellen, um für die digitalen Herausforderungen gewappnet zu sein?

Piazolo: Wir haben in Bayern hervorragend qualifizierte Lehrkräfte, die motiviert sind, die Schülerinnen und Schüler mit zeitgemäßen Mitteln und Methoden zu unterrichten. Dazu müssen sie die digitale Technik selbst bedienen können. Sie müssen aber auch die Chancen und Gefahren der Digitalisierung kennen, um medienpädagogisch arbeiten zu können. Und sie müssen wissen, wie und wozu digitale Medien in ihrem Fach sinnvoll eingesetzt werden können. Das sind anspruchsvolle Aufgaben, weil in unserer dynamischen Welt diese Kompetenzen immer weiterentwickelt werden müssen. Mit einer flächendeckenden Fortbildungsoffensive schulen wir beispielsweise alle bayerischen Lehrkräfte darin, wie Medien sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden können.

KURIER: Wie kann die Systembetreuung bei 50.000 digitalen Klassenzimmern in der Praxis funktionieren?
Piazolo: Bei der Entwicklung ihrer Ausstattungspläne arbeiten die Schulen mit dem jeweiligen Sachaufwandsträger zusammen. Bei der Optimierung der IT-Ausstattung ist selbstverständlich immer die technische Systembetreuung mitzudenken, die im Zuständigkeitsbereich der Sachaufwandsträger liegt. Im Schuljahr 2018/19 wurden 200 zusätzliche Lehrerstellen insbesondere für die pädagogische Systembetreuung und Lehrerfortbildung zur Verfügung gestellt. Für die Systembetreuung stellen wir Anrechnungsstunden im Wert von rund 15 Million Euro pro Jahr bereit. Alle weiterführenden Schulen haben inzwischen eine zusätzliche Anrechnungsstunde erhalten.

KURIER: Wie geht es mit der Digitalisierung in der Bildung weiter?

Piazolo: Mit der Initiative »Bildungsregionen in Bayern« wollen wir die Zukunft der jungen Menschen in der Region mit einem passenden Bildungsangebot sichern. Mehr als zwei Drittel aller bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte sind bei der Initiative dabei. Aktuell entwickeln wir die Initiative zu »Digitalen Bildungsregionen« weiter. In den Regionen werden alle Projekte und Planungen in einem Digitalisierungskonzept zusammengetragen. Das ist ein weiterer wichtiger Beitrag für die Digitale Bildung und die Gestaltung unserer Bildungslandschaft.

KURIER: Vielen Dank für das Gespräch.