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Thursday, 13. May 2021 · 02:30 Uhr
 
 
 

Leitungswechsel bei den Franziskanerinnen

Generaloberin verabschiedet sich/Interview mit Sr. M. Benigna Sirl

Sr. M. Benigna ist eine spirituell und unternehmerisch denkende Ordensfrau. Nun verabschiedet sie sich aus der Ordensleitung und als Vorsitzende des Stiftungsrates der Viktoria-von-Butler-Stiftung. (Foto: Franziskuswerk)
 

Die Franziskanerinnen von Schönbrunn wählen eine neue Generaloberin und eine neue Generalleitung. Damit geht eine Ära zu Ende, denn Generaloberin Schwester Maria Benigna Sirl kann aufgrund der Kongregationsstatuten nicht wieder gewählt werden. Nach insgesamt 36 Jahren in der Leitung, davon 24 Jahre als Generaloberin, hat sie die Kongregation und die Entwicklung des Franziskuswerk Schönbrunn (FWS) maßgeblich gestaltet. Nun wurde Sr. M. Benigna, corona-bedingt nur im kleinen Kreis, in ihrer Funktion als Vorsitzende des Stiftungsrates der Viktoria-von-Butler-Stiftung (VBS) verabschiedet.

Als Vertreter des VBS-Stiftungsrates würdigte Niko Roth Sr. M. Benigna als »den Motor, der die Kongregation, die Viktoria-von-Butler-Stiftung und das Franziskuswerk Schönbrunn in unterschiedlichen Leitungs-, Führungs- und Aufsichtsfunktionen behütet, vermehrt, weiter entwickelt und zukunftsfähig gemacht hat. Sr. M. Benigna ist ein Mensch, der Entwicklungen in unserer Gesellschaft, in unserem Staat und in unserer Kirche nicht einfach hinnimmt, sondern sich im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention für die Rechte behinderter Menschen einsetzt. Gleichzeitig engagiert sie sich sozial- und gesellschaftspolitisch auch mit den Ordensoberen und beobachtet kritisch die Entwicklungen in unserer Kirche, besonders auch die Stellung der Frauen. Das alles hat in ihren Entscheidungen, die VBS, das FWS und die Kongregation betreffend, Niederschlag gefunden«.

Die beiden Stiftungsvorstände der VBS und Geschäftsführer des FWS, Michaela Streich und Markus Holl, bedankten sich bei Sr. M. Benigna für ihr Wirken: »Sie traten in herausgehobener Weise für das Wohl der Menschen in Schönbrunn ein – und werden es sicher weiter tun – und sind eine der prägendsten Frauen der Kongregation und auch des Franziskuswerks. Ihr kooperativer Führungsstil und ihr Unternehmergeist sprechen für ihre Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen, zu deuten und mutig ins Heute zu übersetzen. Wir danken ihnen für ihr Vertrauen, ihr offenes Ohr, ihre Präsenz und wünschen ihnen für die Zukunft Gesundheit und dass sie ihre neu gewonnene Zeit nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen gestalten können«.

Sr. M. Benigna folgt bei ihren Dankesworten dem Impuls von Franz von Assisi, nach dem niemand ein Amt für sich als Eigentum beanspruchen und es zur festen Zeit zur Verfügung stellen soll. »Alles hat seine Zeit, Zeit zum Aufbauen, zum Abreißen, zum Beginnen, zum Aufhören. Ich gebe mein Amt mit Demut und aus innerster Überzeugung auf und bedanke mich für die gute und transparente Zusammenarbeit, das gegenseitige Vertrauen und das gute Miteinander in der Generalleitung, im Stiftungsrat der VBS, mit der Geschäftsführung des Franziskuswerks und mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern«.

Sr. M. Benigna ist mit 18 Jahren in die Kongregation der Franziskanerinnen von Schönbrunn eingetreten und war zunächst in der Verwaltung der damaligen Anstalt Schönbrunn beschäftigt. Nach ihrer Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und Weiterqualifizierung zur Heilpädagogin übernahm Sr. M. Benigna von 1985 bis 1990 den Aufbau und die Leitung des Gesamtbereichs Wohnen in der Anstalt Schönbrunn. 1990 wurde die heute 69-jährige zur Generaloberin gewählt und bekleidete dieses Amt mit einer sechsjährigen Unterbrechung 24 Jahre lang. In dieser Zeit hat sie zentrale unternehmerische Weichenstellungen für die Kongregation und das Franziskuswerk vorangetrieben. Unter ihrer Führung hat die Kongregation in 1997 eine gemeinnützige Kapitalgesellschaft, die heutige Franziskuswerk Schönbrunn gGmbH gegründet sowie 2016 die Viktoria-von-Butler-Stiftung. Beide Gründungen erfolgten in dem Bewusstsein, den Gründungsauftrag der Kongregation – Menschen mit Behinderung ein Leben in Würde und zum Heil zu ermöglichen – weiterzutragen und sind Vorbild für andere Ordensgemeinschaften.

In 2011, dem 100-jährigen Ordensjubiläum, stellte sie sich der Aufarbeitung der unheilvollen Geschichte Schönbrunns zur Zeit des Nationalsozialismus und begründete damit eine Erinnerungskultur und Rückbesinnung auf die Gründungsfigur und Sozialrechtlerin Viktoria von Butler, die mit der Umwidmung der Schönbrunner Hauptstraße in Viktoria-von-Butler-Straße und der Installation eines Mahnmals begann.

 

Interview mit Sr. M. Benigna Sirl, der scheidenden Generaloberin der Franziskanerinnen von Schönbrunn

Sr. M. Benigna, Sie waren von 1990 bis 2002 und von 2002 bis heute gewählte Generaloberin der Franziskanerinnen von Schönbrunn, Sie sind die Vorsitzende des Stiftungsrates der Viktoria-von-Butler-Stiftung und seit 1985 in leitender Funktion. Mit dem Wahlkapitel am 8. August 2020 scheiden Sie aus beiden Ämtern aus. Wie geht es Ihnen nach 35 Jahren in leitender Funktion?

Sr. M. Benigna Sirl: Es geht mir sehr gut, weil ich mich schon lange auf die Ablösung einstellen konnte. Sicher spüre ich auch den Abschied. Wenn es anders wäre, hätte ich diesen langjährigen Dienst nicht gerne getan. Vor allem aber spüre ich ganz viel Dankbarkeit im Blick auf diese Zeit. In Ihrer Zeit als Generaloberin sind wegweisende Entscheidungen für die Kongregation und das Franziskuswerk Schönbrunn getroffen worden, hier nur ein paar Beispiele: die Umbenennung der »Anstalt Schönbrunn« in »Franziskuswerk Schönbrunn« und die Gründung als gGmbH, die Aufarbeitung der NS-Zeit, die Gründung der Viktoria-von-Butler-Stiftung.

Wie sind Sie all die Jahre mit der Verantwortung umgegangen?

Zum einen habe ich Gott sei Dank die Fähigkeit, analysieren und weiterentwickeln zu können. Diese Stärke hat mir geholfen, Situationen zu erkennen, sie zu deuten, Ideen zur Gestaltung und Steuerung zu entwickeln und sie umzusetzen. Darüber hinaus war es immer mein Bestreben, Betroffene zu Beteiligten zu machen, sie in die Veränderungs- und Umsetzungsprozesse zu integrieren. Ein Grundsatz von mir war stets, wenn wir uns gemeinsam an den Tisch setzen, dann gibt es auch tragfähige Antworten und Lösungen.

Woher haben Sie die Kraft für Ihre Verantwortung geschöpft?

Ich weiß, dass ich meine Kraft aus der Kontemplation und aus der Aktion schöpfe. Eine weitere Kraftquelle ist das Leben in der Gemeinschaft der Franziskanerinnen von Schönbrunn.

Was war Ihr größter Erfolg?

Das Wort Erfolg ist nicht mein Wort. Ich möchte so fragen, was war das Herausragende, das nachhaltig Tragende in den herausfordernden Veränderungsprozessen der 35 Jahre. Dazu möchte ich das Bild eines Weges zeichnen, auf dem ich als Generaloberin voranzugehen hatte. Auf diesem Weg ging es immer durch Höhen und Tiefen und um Richtungsentscheidung. Immer war etwas abzuschließen, anderes aufzubauen, meist parallel nebeneinander. Immer wieder war ein Paradigmenwechsel angesagt, gesellschaftliche Veränderungen und Veränderungen in der Ordensgemeinschaft erforderten dies, sodass es oft um Abschiede und um Neubeginn ging.

Als ich 1990, als »junge 40jährige«, das erste Mal das Amt der Generaloberin übertragen bekam, hatte ich eine Vision für die Umwandlung und Neugestaltung des großen sozialen Werkes. Gleichzeitig fragte ich mich »wie soll das geschehen?« Und es zeigte sich, dass sich immer wieder verantwortlich denkende Personen anschlossen und sich aktiv und verantwortlich an der Gestaltung beteiligten. Im Nachhinein staune ich über die gelungenen Prozesse und freue mich über die heutige Viktoria-von-Butler-Stiftung mit dem Franziskuswerk Schönbrunn und der PFIFF gGmbH.

Was war Ihre größte Herausforderung?

Die Gleichzeitigkeit, sowohl das Unternehmen, als auch die Ordensgemeinschaft, in den Umwandlungsprozessen zu steuern, dabei je adäquate, tragfähige und akzeptierte Zukunftsformen zu finden und zu gestalten.

Gab es Misserfolge, die Sie verkraften mussten?

Spirituell spreche ich von »Scheitern«, wenn das Miteinander und die Zusammenarbeit nicht gelingen können. Strukturen kann man gestalten, sie sind immer wieder zu aktualisieren. Aber in der Führungsarbeit geht es in erster Linie um das menschliche Miteinander, um konstruktive und kooperative Beziehungen und darin steckt das Potential zum Gelingen oder Scheitern. Auch diese Momente und Zeiten hat es gegeben, das kann ich nicht schönreden. Zum Beispiel durch mehrere Wechsel in der Geschäftsführung. Die Folge ist zunächst immer Stagnation und Verunsicherung im Unternehmen. Das erfordert ein wieder neu anfangen, sich neu aufstellen, das braucht Kraft und Mut und ganz viel Klarheit und Transparenz.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Stellen Sie Ihr Wissen anderen zur Verfügung? Wenn ja, wie, wo? Werden Sie in der Generalleitung verbleiben?

Zunächst ist mir eine längere Auszeit zugesagt worden. Darauf freue ich mich sehr. Meine Dienste stelle ich meiner Gemeinschaft zur Verfügung. Im Austausch mit der neuen Generaloberin werden sich meine künftigen Aufgaben finden, da bin ich ganz zuversichtlich. Ich werde aber nicht zur neuen Generalleitung gehören. Ich habe mich dagegen entschieden, weil die Zeit reif ist für einen Wechsel und den soll die neue Leitung in aller Freiheit vollziehen können, ohne die vorherige Generaloberin im Schlepptau zu haben.

Was war Ihr berührendstes Erlebnis mit einem Bewohner oder einer Bewohnerin?

In jüngster Coronazeit, nach dem Lockdown, die große Freude der Wieder-Begegnung mit einem Bewohner, der schon von weitem rief »Hallo Oberin«. Er begrüßt mich immer so. Wir hatten uns aber monatelang nicht mehr gesehen, ich wusste nicht, ob er gesund oder erkrankt ist. Wir standen uns mit den Mund-Nasen-Schutz-Masken gegenüber. Ich war voller Freude und zu Tränen gerührt über das Wiedersehen mit »Hallo Oberin«.

Die Kongregation schrumpft, aktuell besteht Ihre Gemeinschaft aus 49 Schwestern, die Mehrzahl davon ist über 70. Wie geht die Gemeinschaft damit um? Was macht das mit der Gemeinschaft?

Ja, der Prozess des Alterns, des Sterbens, des Veränderns der Gemeinschaft, ist ein schmerzhafter Prozess, das wissen wir Schwestern alle und das können wir auch nicht schönreden. Diese Wirklichkeit müssen wir menschlich und spirituell durchleben und auch erleiden. Wir stecken jedoch nicht den Kopf in den Sand, sondern gestalten unser gemeinsames Leben und unsere Aufgaben lebendig und zielbewusst.

Hat und wenn ja, wie, die Aufarbeitung der NS-Zeit die Gemeinschaft verändert?

Nicht verändert, aber schmerzhaft erschüttert, mit Zweifel und Unverständnis einhergehend. Vor allem was Prälat Steininger betrifft. Es war ja auch ein Schock, die Forschungsergebnisse zu vernehmen und sie als Wahrheit anerkennen zu müssen. Das brauchte Zeit der Verarbeitung. Das forderte Konsequenzen, wie zum Beispiel die Umbenennung der Prälat-Steininger-Straße in Viktoria-von-Butler-Straße. Die Ereignisse der NS-Zeit sind ein schmerzvoller Punkt in unserer Geschichte.

Welche Zukunftschancen sehen Sie für die Kongregation?

Wir werden in den kommenden Jahren noch weniger Schwestern sein. Der Blick auf den Kontext der Zeit lässt erahnen, dass das Ordensleben derzeit nicht im Fokus der Gesellschaft steht. Wir verlieren jedoch bei allen Veränderungen, und einer immer älteren Gemeinschaft, nicht aus dem Blick, was heute Auftrag ist in der Welt. Unser Auftrag ist das Leben nach dem Evangelium mit der daraus erwachsenden Solidarität mit armen, mit hilfebedürftigen Menschen. Auch als kleine Gemeinschaft können wir unsere Aufgabe für die Menschen wahrnehmen. Wir verstehen uns, unser Kloster, als Geistliches Zentrum im Pfarrverband Röhrmoos-Hebertshausen. Es ist eine gute Erfahrung des Miteinanders im Glauben und in den Begegnungen. Wir sind offen für persönliche und soziale Nöte der Menschen und machen Angebote zu ihrer Begleitung. Wir nehmen die Welt und die Anliegen der Menschen in unsere Gebete mit hinein. Wir Schwestern sind präsent hier in Schönbrunn und fühlen uns den Menschen die hier leben und arbeiten, sehr verbunden. Wir Schwestern begleiten und unterstützen durch verschiedenste Kontakte die Menschen hier in ihren Nöten, Sorgen, Ängsten. Vielleicht nicht in sichtbaren und öffentlichen Aktionen, aber durch vielerlei, auch verborgene, Dienste im Alltag.

Inwieweit waren und sind Franz von Assisi und Viktoria von Butler Vorbilder für Sie persönlich und die Kongregation im täglichen Tun sowie bei der strategischen Ausrichtung von VBS/FWS/pfiff?

Vom bescheidenen und spirituellen Franz von Assisi lerne ich täglich, in guter Beziehung zu Gott, zu den Menschen und zur Natur zu leben. Schon die ersten Schwestern waren christlich-franziskanisch geprägte Frauen. Auch heute leben wir Franziskanerinnen nach der Spiritualität des Heiligen Franziskus. Unsere Gründerin, die Wohltäterin, Sozialreformerin, Frauenrechtlerin und christliche Frau, Viktoria von Butler, legte eine Spur für die Assistenz, Betreuung, Bildung und Pflege für Menschen mit Unterstützungsbedarf und lehrt uns, im christlich-franziskanischen Geist dieser Spur in den jeweiligen gesellschaftlichen Herausforderungen zu folgen. Sie sind seit 35 Jahren als Frau in Leitungsposition. Damit sind Sie lebender Beweis dafür, dass Frauen in Führungspositionen sehr erfolgreich sein können.

Was ist Ihr Rezept? Sind hier Ordensgemeinschaften weiter als es die aktuelle Debatte um die Frauenquote vermuten lässt?

In der Tradition der Orden gab es immer Ordensfrauen, die als Äbtissinnen, als General- oder Provinzoberinnen in Führungspositionen standen und auch heute stehen. Es ist also ein Selbstverständnis. Aus diesem Selbstverständnis heraus haben sich Ordensfrauen an der Spitze stets für die Aufgabe qualifiziert und mit der Aufgabe identifiziert. Sie sind Zeuginnen gelungener visionärer und gestalterischer Führung. Ich würde sagen, dass die Ordensgemeinschaften hier weiter sind, als es die aktuelle Debatte um die Frauenquote vermuten lässt.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Behindertenhilfe seit Ihrem Eintritt in die Kongregation 1968?

Eine gigantische Entwicklung und darüber freue ich mich. Von der Bewahrung, zur Betreuung und Förderung, zur Integration. Heute liegt der Schwerpunkt auf Bildung, Selbstbestimmung und Teilhabe in der Gesellschaft. Es entspricht meinem christlichen Menschenbild von der Würde des Menschen.

Wie beurteilen Sie den Stand der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland? Wie sehr werden Inklusionsbemühungen durch die aktuelle Corona-Krise/Gentests zunichte gemacht?

Vor allem die zu erwartenden Einsparungen werden ein Rückschlag in den Inklusionsbemühungen sein.

Was möchten Sie Ihrer Nachfolgerin auf dem Weg mitgeben? Was wünschen Sie ihr?

Ich wünsche ihr vor allem, dass sie mit Mut und Zuversicht ihren Weg beginnen kann. Ich wünsche ihr ein kollegiales Generalleitungsgremium, das im geschwisterlichen Miteinander die Beratungen und Entscheidungen angeht und durchführt. Und ich wünsche ihr natürlich eine stabile Gesundheit. Vor allem wünsche ich ihr und der ganzen Gemeinschaft, was das Motto des Kapitels ausdrückt: »Seid mutig, entschlossen, habt keine Angst, denn Gott selber wird mit euch ziehen!« Mose 31,6

Sr. M. Benigna, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre Zukunft!

(Das Interview führte Sigrun Wedler, Stabsstelle Kommunikation & Marketing im Franziskuswerk Schönbrunn gGmbH.)