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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Sunday, 25. August 2019 · 17:46 Uhr
 
 
 

»Es muss alles auf den Prüfstand«

Auftaktveranstaltung WIR: Lebensqualität in Dachau

Markus Witte von der politischen Vereinigung WIR referierte über die schwierige Verkehrssituation in Dachau-Ost. (Foto: A. Förster)

Rund 50 Frauen und Männer waren gekommen, um sich die Vorträge zum Thema Verkehrs- und Siedlungspolitik in Dachau-Ost anzuhören. »Oberbürgermeister Florian Hartmann hat auch eine Einladung bekommen«, erklärte der WIR-Vorsitzende Wolfgang Moll bei der Begrüßung, »aber er lässt sich leider entschuldigen.« Den OB hätte man gerne mit den Aussagen aus den Referaten von Markus Witte und Gerhard Schlabschi konfrontiert. Der einzig anwesende Stadtrat, neben dem derzeit fraktionslosen WIR-Sprecher Wolfgang Moll, war Michael Eisenmann vom Bündnis für Dachau (BfD).

Beide Referenten wohnen schon lange in Dachau-Ost und sind nach eigener Aussage mit der Entwicklung des Stadtteils, so wie sie von Seiten der Stadtpolitik vorangetrieben werde, ganz und gar nicht einverstanden. Markus Witte führte anhand von Fotos und Drohnenaufnahmen aus, dass die Belastung der Anwohner in Dachau-Ost durch den immer weiter zunehmenden motorisierten Individualverkehr ein kaum noch erträgliches Maß angenommen habe. Er sieht vor allem ein Problem mit dem Schwerlastverkehr, der sich längst auch in die Nebenstraßen und Wohngebiete verlagert habe. Das sei auch an den vielen dort geparkten LKWs zu sehen. Er plädierte für ein Durchfahrts- und Parkverbot für das gesamte Stadtviertel. »Aber die LKW-Fahrer wohnen doch in Dachau-Ost und müssen ja irgendwie zu ihren Fahrzeugen kommen«, wandte ein Besucher ein. Das ließ Witte durchaus gelten, zu regeln sei dies mit Ausnahmegenehmigungen seitens des Ordnungsamts.

Anschließend zeigte er die mit einer Drohne an verschiedenen Tagen aufgenommenen Staus an der Sudentenland-, Schleißheimer und Alte Römer sowie der Bajuwarenstraße. »Wir haben eine Straßeninfrastruktur wie vor mindestens 60 Jahren«, spottete Witte. Damals hatte man aber nur halb so viele Einwohner wie jetzt. Schließlich führte er einen Bericht des Ingenieurbüros Gevas ins Feld, der für Dachau-Ost eine Steigerung des Verkehrsaufkommens um 40 bis 70 Prozent in den nächsten Jahren prognostiziert. Diese könne auch durch die geplanten Umfahrungen nicht aufgefangen werden, glaubt Witte. Zumal sie Bundes- und Ländersache seien. »Hinzu kommt, dass sie die letzten Feuchtgebiete in Dachau Ost zerstören«, schloss er seinen Vortrag.

»Der Verkehr rund um die Schleißheimer Straße wird kollabieren«

Gerhard Schlabschi leitete über zur aktuellen Siedlungspolitik, deren Auswirkungen schon jetzt insbesondere in Dachau-Ost spürbar seien. »Die Durchschnittstemperatur liegt um zwei bis drei Grad höher als im Rest von Dachau», berichtete er. Das liege zum einen an der engen und hohen Bebauung, wo sich die Luft häufig staue. »Und es liegt an unserem ausgedehnten Gewerbegebiet und dem hohen Verkehrsaufkommen. Die Abgase beeinträchtigen die Luftqualität«, ärgert sich Schlabschi. Und was ihn noch mehr ärgere sei die Tatsache, dass die Stadträte zwei weitere Gewerbegebiete, eines am Seeber-Gelände und eines an der Siemensstraße, beschlossen hätten. Und dass Karlsfeld es dem »großen Bruder« Dachau nun gleichtat und ebenfalls nahe dem Seeber-Gelände ein Gewerbegebiet einrichten wolle. »Der Verkehr rund um die Schleißheimer Straße wird kollabieren, zumindest während der Stoßzeiten«, meint Schlabschi, der sich als Vorstand der Bürgerinitiative »Anwohnerfreundliche Entwicklung Dachau-Ost« seit geraumer Zeit für ein gebremstes Wachstum in Dachau-Ost engagiert. Seinen hochgerechneten Zahlen zufolge werde es mindestens 9.000 Fahrten zusätzlich geben, wenn alle drei Gewerbegebiete und insbesondere Seeber mit seiner hohen Geschossflächenzahl realisiert würden. Deshalb werde die BI wohl, trotz einer höchstens 50-prozentigen Chance, dagegen vor Gericht ziehen.

Schlabschi zeigte anhand einiger Bilder von modernen Gewerbeparks mit viel Grün und attraktiver Gestaltung, wie ein zeitgemäßes umweltverträgliches Gewerbegebiet aussehen könnte. An den für die Stadt so wichtigen Gewerbesteuereinnahmen hegt Schlabschi große Zweifel: »So wie das geplant ist, will da niemand einziehen.«

Auch wenn der Tenor der Veranstaltung insgesamt ziemlich negativ ausfiel und die Zukunft für Dachau-Ost überwiegend schwarzgemalt wurde, wird man dennoch auf die geschilderten Probleme reagieren müssen. Drastische Maßnahmen zur Verkehrsvermeidung, sei es durch eine Seilbahntrasse nach München, durch Stärkung des Fahrrads und vor allem durch die Ausweitung und Vergünstigung des öffentlichen Nahverkehrs, scheinen unvermeidlich und sogar höchst dringlich. Das Fazit des WIR-Vorsitzenden jedenfalls lautete: »Es muss alles auf den Prüfstand.«