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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Saturday, 20. October 2018 · 16:40 Uhr
 
 
 

Sozialministerin Schreyer zur Stippvisite

»Wir brauchen Unterstützung für den Konversionsprozess«

Stiftungsvorstand Markus Holl (2. von re) und Katrin Pfeiffer (re) begrüßten Sozialministerin Kerstin Schreyer (2. von li). (Foto: Viktoria-von-Butler-Stiftung)

Die Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Kerstin Schreyer, hat sich gestern Nachmittag über die derzeitigen Herausforderungen informiert, derer sich Groß- und Komplexeinrichtungen im Hinblick auf die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und das Bundesteilhabegesetz (BTHG) stellen müssen. Bei einem rund einstündigen Rundgang durch die Einrichtung schilderte Stiftungsvorstand Markus Holl die aktuelle Situation: »Die Vorgaben der UN-BRK und des BTHGs zwingen uns dazu, unsere Angebote und unsere organisatorische Struktur weiterzuentwickeln. Ein äußerst kostenintensiver Aspekt stellt dabei die Schaffung von barrierefreiem Wohnraum in Schönbrunn und in der Region dar. Für diesen Konversionsprozess brauchen wir auch weiterhin dringend die finanzielle Unterstützung seitens des Freistaats. Die Einrichtungen dürfen hier nicht alleine gelassen werden.« Schreyer ist sich dessen bewusst: »Derzeit setzen wir die dringlichsten Vorhaben zeitnah um, für die wir die finanziellen Mittel haben. Wir prüfen aber gerade, wie wir ministeriumsübergreifend zu einer befriedigenden Lösung kommen können.«

Das Franziskuswerk Schönbrunn, ein Tochterunternehmen der Viktoria-von-Butler-Stiftung (VBS), befindet sich in einem umfassenden Konversionsprozess. Dieser Prozess ist vielschichtig und umfasst neben der Verbesserung der Wohnqualität am Standort Schönbrunn die Regionalisierung von Wohnplätzen und Angeboten im Landkreis Dachau und angrenzenden Landkreisen - möglichst nah an den Wohn- und Herkunftsorten der Menschen mit Behinderung - sowie die Gestaltung des Dorfes Schönbrunn hin zu einem inklusiven Sozialraum und das Bereitstellen von Wohn- und Bauflächen, um den Zuzug von Menschen ohne Behinderung zu befördern. Gleichzeitig müssen für Kommunen und Gemeinden Anreize geschaffen werden, damit die Regionalisierung in den Landkreis Dachau sowie die angrenzenden Landkreise durch enge Zusammenarbeit und Kooperationen gelingt. Insbesondere für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf müssen Angebote und Dienstleistungen auch außerhalb von Schönbrunn geschaffen werden, damit diese nicht zu »Inklusionsverlierern« werden. »Für die gelingende Konversion von Groß- und Komplexeinrichtungen sind auch Kommunen und Ministerien gefragt«, erklärte Holl während des Rundgangs.

»Auch wenn die Behindertenhilfe viele Jahre selbst dazu beigetragen hat, dass durch Separierung und Spezialisierung Menschen mit Behinderung an komplexen Standorten begleitet wurden – der Auftrag der Inklusion und die damit verbundenen Herausforderungen sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Um die Kommunen dahingehend zu sensibilisieren, und für diesen gemeinsamen Auftrag zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, müssen Anreize geschaffen werden. In der Zusammenarbeit mit kleineren Kommunen im ländlichen Raum muss zielgruppenübergreifend geplant werden, damit Angebote und Dienstleistungen im Sinne eines inklusiven Sozialraums allen Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stehen. Die Konversion leistet somit auch einen wichtigen Beitrag zur Inklusion und Sozialraumentwicklung der umliegenden Kommunen und Gemeinden.«

Holl wies noch auf einen nicht zu unterschätzenden Aspekt der Konversion hin: »Falls die geplante Trennung der Leistungen gemäß BTHG zum 1. Januar 2020 dazu führen sollte, dass die Förderung von Wohnraum wegfällt und nur noch Flächen für Fachleistungen gefördert werden könnten, wären persönlicher und gemeinschaftlicher Wohnraum nicht mehr Gegenstand staatlicher Förderung. Behindertengerechter Wohnraum insbesondere für Menschen mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen im gemeinschaftlichen Wohnen ist mit einem behindertenbedingtem Mehrbedarf von 125% der ortsüblichen Vergleichsmiete nicht zu refinanzieren und die bestehenden Förderinstrumente für barrierefreien Wohnraum umfassen nicht den Mehraufwand, der insbesondere für Häuser zum gemeinschaftlichen Wohnen nötig ist. Beispiele sind Pflegebäder, Brandmeldeanlagen oder Rettungswege für nicht selbstrettungsfähige Personen. Hier sind wir weiterhin auf finanzielle Unterstützung durch den Freistaat Bayern angewiesen.«

Die Viktoria-von-Butler-Stiftung wurde zu Beginn des Jahres 2016 von den Franziskanerinnen von Schönbrunn gegründet. Sie ist eine operativ tätige Stiftung, die mit ihrem Vermögen über ihre Unternehmen die Stiftungszwecke verfolgt. Ihre Kernaufgabe ist die Sorge um und Begleitung von hilfsbedürftigen Menschen. Die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Menschen in sozialer Arbeit, insbesondere in der Behinderten-, der Jugend- und der Altenhilfe, sieht die Viktoria-von-Butler-Stiftung dabei als wichtigen Schlüssel an. Zum zweiten ist die Weiterentwicklung des Ortes Schönbrunn als wichtiges Handlungsfeld definiert. Außerdem bleibt die Viktoria-von-Butler-Stiftung ihren franziskanischen Wurzeln verpflichtet, indem sie den Sendungs- und Verkündigungsauftrag der Franziskanerinnen von Schönbrunn gewährleistet.