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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Wednesday, 12. December 2018 · 23:17 Uhr
 
 
 

OFFENER BRIEF VON ACHTZIG PERSÖNLICHKEITEN DES DACHAUER LANDES

In großer Sorge um unsere demokratische und solidarische Gesellschaft

Die Geschichte hat uns gezeigt, wie fragil und verletzlich Demokratien sind. Schleichend aber systematisch suchen sich autoritäre Gedanken ihre Wege durch die Institutionen. Durch Vereinfachen, durch das Brechen von Tabus und durch das Anstacheln von Emotionen schaffen sie bei vielen Menschen ein Gefühl von Echtheit und Authentizität. Die Gegner der offenen Gesellschaft scheinen mutig und spontan zu sein, sind aber in Wirklichkeit nur skrupellos, zynisch und berechnend. Aktuell bedrängende, aber lösbare Probleme wie die Flüchtlingskrise werden von ihnen nur als Vorwand benutzt, einen anderen, einen autoritären Staat zu schaffen.

Natürlich muss auch ein liberaler und demokratischer Staat Stärke zeigen, dies hat uns nicht zuletzt der Untergang der Weimarer Republik gelehrt. Der Staat muss in allen Belangen die Gestaltungshoheit der inneren und äußeren Sicherheit behalten und diese manchmal auch mit unpopulären Maßnahmen durchsetzen. Niemals aber darf er dabei seine eigenen Grundprinzipien verletzen. Willkür und Einschränkung der bürgerlichen Rechte zerstören unsere humanitäre Gesellschaft und führen geradewegs in den Totalitarismus.

Einige unserer Nachbarländer haben leider diesen unheilvollen Weg bereits beschritten. Nur unsere wirtschaftliche Stabilität hat uns bisher davor bewahrt. Sie ist aber kein dauerhaftes Schutzschild. Personifizierter Hass gegen einzelne Gruppen unserer Gesellschaft und verfälschte Informationen schaffen Legenden, die sich selbst verstärken und wie Wanderdünen jede realistische und differenzierte Betrachtung unter Bergen von Unwahrheiten und Gerüchten verschwinden lassen. Das macht es den Demagogen leicht und den Nachdenklichen so schwer. Wie deutlich muss es uns die Geschichte noch lehren? Nationalistischer Hass führt zur Spaltung im Inneren und zum Krieg im Äußeren.

Den Teufel treibt man nicht mit dem Beelzebub aus. Wer sich auf die Inhalte und Symbolpolitik einer AfD und ähnlicher Gruppierungen einlässt, wird irgendwann nicht mehr von ihr zu unterscheiden sein. Gerade unsere konservativen Parteien tragen hier eine große Verantwortung alle Graubereiche zu vermeiden und sich klar abzugrenzen. Jeder Ruck nach Rechts schafft keine Wählerstimmen, sondern vergrößert den Raum der Radikalen. Ein bisschen radikal in der Politik geht ebenso wenig wie ein bisschen echt bei einem Rembrandt. Sind Anstand und schützende Tabus erst einmal über Bord gegangen, holt sie keiner mehr zurück. Die Verrohung der politischen Sprache und die Relativierung des nationalsozialistischen Unrechtsstaates sind sensible und entlarvende Seismographen für diese Erosion des Humanen.

Verdruss über bestehende Politik und ihre Entscheidungen mag berechtigt sein, aus Protest aber den eigenen Untergang zu wählen, ist vollkommen irrational. Nur von etwas weg zu wollen ist keine Lösung. Jeder möge sich überlegen, ob man in einem Staat leben möchte, in dem populistische Politiker Demokratie und Rechtssicherheit, Meinungs- und Pressefreiheit als liberalen Luxus bezeichnen – allesamt Errungenschaften der Aufklärung, die sich unsere Vorfahren mit dem eigenen Leben erkämpft haben. Errungenschaften, die den wirtschaftlichen Erfolg und die Lebensqualität in unserem Land erst möglich gemacht haben.

Schweigen wir nicht in unseren Freundeskreisen und Stammtischen, beziehen wir Position in unseren Gremien. Geben wir der schweigenden Mehrheit eine Stimme. Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich, dieses Wort wird Mark Twain zugeschrieben. Er hatte wohl Recht damit.

 

Diesen Brief haben rund achtzig Persönlichkeiten unterzeichnet, die im Landkreis Dachau leben oder mit ihm verbunden sind. Sie sind engagierte Personen im kulturellen, wirtschaftlichen, kirchlichen und medizinischen Bereich unserer Zivilgesellschaft. Um den Brief aus dem aktuellen Wahlkampf herauszuhalten, haben politische Mandatsträger nicht an der Aktion teilgenommen, obwohl viele von ihnen den Text mit Überzeugung unterzeichnet hätten. Wer sich mit dem vorliegenden Brief solidarisieren möchte, kann dies ab sofort unter folgender Email-Adresse tun: insorge2018@gmail.com

 

 

Unterschreiber Offener Brief 2018

Prof. Dr. Sybille Steinbacher

Dr. Jürgen Zarusky

Prof. Dr. Annette Eberle

Dr. Birgitta Unger-Richter

Dr. Norbert Göttler

Dr. Annegret Braun

Prof. Dr. Wilhelm Liebhart

Anna Andlauer

Thomas Schlichenmayer und Hedi Esters

Dr. Irmgard Jehle

Michaela Maria Müller

Helmut Größ

Hildegard Windholz

Edi Hörl

Wolfgang Möckl

Johannes Karl

Sebastian Feldhofer und Bettina Redlich

Rosmarie Schmid-Münster

Norbert Kiening

Margot Krottenthaler

Kathrin Krückl

Felix Plahl

Herbert Müller und Hoftheater Bergkirchen

Renate Zauscher

Heinz Neumaier

Klaus Eberlein

Heinz Eder

Walther Hoch und Petra Hoch-Dosch

Gaby und Helmut Metzger

Martin Off

Thomas Müller (Sumitomo)

Dr. Christian und Inge Hofer

Franz Baur Wolf-Rüdiger und Ingeborg Lange

Dr. Katharina Osterauer und Matthias Schilcher

Sophia von Trebra-Lindenau

Carola Hain Fischer und Martin Fischer

Reinhard Jahn

Dr. Gotthard und Johanna Dobmeier

Pfr. Josef Mayer

Heidi Schaitl

Irmi Haas

Dr. Wolfgang Sturm

Pfr. Wolfgang Borm

Prof. Dr. Herbert Kaltner

Pfr. Michael Bartmann

Diakon Raimund Richter

Prof. Dr. Ludwig Mödl

Ludwig Schmiedinger

Anneliese und Alfred Bayer

Christian Weisner

Diakon Klaus Schulz

Andreas Kreutzkam

Annerose Stanglmaier

Anton Jais

Jochen Sommer

Gabriele Oswald-Kammerer

Anton Wagatha

Peter Heller

Ernst Spiegel

Waltraud Wolfsmüller

Angelika Eisenmann

Roswitha und Dr. Hans von Engel

Dr. Jürgen Schreiner

Dr. Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen

Dr. Dr. Carola Wagner-Manslau

Dr. Ina Pöhlmann