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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Wednesday, 12. December 2018 · 22:50 Uhr
 
 
 

»Wir werden die Pflege aus den Pauschalen herausnehmen und getrennt vergüten«

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht im Regiestuhl-Interview über Pflege, Organspende und Fitness

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn entspannt auf dem Regiestuhl. (Foto: Foto Sessner)
 

Das Senterra Pflegezentrum in Markt Indersdorf war selten so voll wie beim Besuch von Jens Spahn. Immerhin gilt der 38-Jährige aus dem Westmünsterland als ein möglicher Nachfolger von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vor den Ärzten, Pflegern, Vertretern von Kirchen- und Sozialverbänden Krankenhausfunktionären sowie später beim Interview wirkte er locker und humorvoll im Gespräch, ernsthaft und kompetent in den Sachfragen und machte insgesamt einen authentischen Eindruck.

KURIER: Wie geht es Ihnen gerade, Herr Spahn?

Spahn: Danke der Nachfrage, mir geht es gut! (lacht). Als Gesundheitsminister werde ich tatsächlich selten nach meiner Gesundheit gefragt.

KURIER: Tun Sie auch etwas dafür, dass es so bleibt? Also gehen Sie zur Gesundheitsvorsorge?

Spahn: Ich versuche zweimal jährlich zur Vorsorge beim Arzt und Zahnarzt zu gehen. Außerdem kümmere ich mich darum, dass ich die empfohlenen Impfungen habe. Das finde ich wichtig.

KURIER: ‎Seit wann sind Sie Organspender?

Spahn: Ich habe mich bereits vor einigen Jahren nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, einen Organspendeausweis auszufüllen und trage ihn seither immer bei mir.‎ Organspende rettet Leben.

KURIER: Wie haben die Menschen, mit denen Sie über das Thema Organspende und die von Ihnen ins Gespräch gebrachte Widerspruchslösung gesprochen haben, reagiert?

Spahn: Sehr unterschiedlich, und ich finde das sehr gut, dass wir hier so eine rege, zum Teil leidenschaftlich geführte gesellschaftliche und politische Debatte haben. Diese Debatte hat schon einen Wert für sich, weil viele sich zu dem Thema Gedanken machen. Wichtig ist mir vor allem, dass es bei meinem Vorstoß nicht um eine Organabgabepflicht geht - sondern um eine Pflicht, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.‎ 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Organ, mit ihnen Familienangehörige, Freunde und nahe Angehörige. Wir sind es ihnen schuldig, dass wir uns über Organspende Gedanken machen. Jeder kann plötzlich in die Situation kommen, auf ein lebensrettendes Organ angewiesen zu sein.

KURIER: Die Ärztezeitung berichtet, dass kein Land nur durch Gesetze eine höhere Organspendequote erhalten hat, sondern vor allem, wie in Spanien, durch eine Verbesserung der Kommunikation und Strukturen. Stimmen Sie dem zu? ‎

Spahn: Das stimmt, wir brauchen eine Organspendekultur. Die Widerspruchslösung und die Diskussion darüber ist ein Schritt. Außerdem müssen wir die Abläufe in den Krankenhäusern verbessern. Das wiederum geht gesetzlich. Dazu habe ich gerade Pläne vorgelegt: Wir wollen die Transplantationsbeauftragten für ihre Aufgaben stärker freistellen und die Krankenhäuser besser vergüten. Gerade bei der Freistellung der Transplantationsbeauftragten ist Bayern als gutes Vorbild vorausgegangen. Das ist mit ein Grund dafür, weshalb Bayern Spitzenreiter bei den Organspenden in Deutschland ist.

KURIER: Würde für Sie dann auch eine andere Lösung in Frage kommen?

Spahn: Der Bundestag wird darüber entscheiden, wir leben in einer Demokratie und ich werde das Ergebnis, egal wie es ausfällt, annehmen. Und wie gerade gesagt, wir werden auf jeden Fall noch weitere Ma‎ßnahmen ergreifen, die im Krankenhaus ansetzen, um die Organspende zu stärken.

KURIER: Wenn Sie an das teure deutsche Pflegesystem denken: welche Baustellen sehen Sie da vor sich?

Spahn: Ich kenne keinen anderen Bereich, in dem es so viel gesellschaftliche Akzeptanz für Beitragsanhebungen gibt wie in der Pflege. Leistungsverbesserungen kosten etwas, das wissen die Menschen und das ist es Ihnen wert. Nachdem wir zuletzt die Leistungen für Pflegebedürftige, vor allem für Demenzkranke, ausgebaut haben, nehmen wir jetzt die Pflegekräfte in den Blick.‎ Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung, damit wieder mehr Menschen diesen Beruf ergreifen und ihm erhalten bleiben. In der Pflege geht es nicht ohne Menschen, dem müssen wir Rechnung tragen und den Pflegekräften den Rücken stärken. In einem ersten Schritt schaffen wir 13.000 neue Pflegestellen, die allein von der Krankenkasse bezahlt werden. Für Bayern sind das rund 2.000 Stellen ab 2019.

KURIER: Qualität hat ihren Preis, das gilt sowohl für die Pflege als auch für die Krankenhäuser: Gibt es aus Ihrer Sicht ein »Rezept«, dass dort kostendeckend gearbeitet wird, ohne an Personal sparen zu müssen?

Spahn: Grundsätzlich werden die Behandlungskosten in Krankenhäusern mit Fallpauschalen vergütet. Diese Beträge sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern werden auf der Basis der tatsächlichen Kosten errechnet. Sie sollten also kostendeckend sein. Weil es trotzdem so ist, dass die Pflege oftmals zu kurz kommt, werden wir die Pflege aus den Pauschalen herausnehmen und getrennt vergüten. In einem ersten Schritt werden alle neu eingestellten Pflegekräfte im Krankenhaus voll von den Kassen bezahlt. Übrigens wird es für‎ die Krankenhäuser immer dann schwierig, wenn die Bundesländer ihrer Verpflichtung nicht nachkommen und die Investitionen, also zum Beispiel die Gebäude oder medizinische Großgeräte, nicht ausreichend finanzieren.

KURIER: Wie sieht es mit der Untergrenze für Pflegepersonal aus?

Spahn: Die wird kommen, mit der nötigen Flexibilität für Notfälle. Auch den Nachwuchs wollen wir fördern, damit überhaupt genug Fachkräfte gibt. Aber man muss auch bedenken, dass das mittelfristig einen Betten- und Personalabbau bedeuten kann.‎

KURIER: Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen genügend über die Risikominimierung von Herz-/Kreislauf-Erkrankungen als häufigste Todesursache aufgeklärt sind?

Spahn: Eine gesunde ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung können dazu beitragen, dass wir viele sogenannte Volkskrankheiten wie Herz-Kreis-Erkrankungen‎ und Diabetes verhindern, bevor sie entstehen. Dazu gehört auch der Verzicht auf Nikotin und ein moderater Konsum von Alkohol. Das zu wissen, ist das eine. Es auch umzusetzen, ist das andere. Der Ansatz des Präventionsgesetzes ist daher, die Menschen direkt in ihrem Alltag abzuholen und zu einem gesunden Lebensstil zu animieren. Wir haben die Krankenkassen dazu verpflichtet, mehr Geld dafür auszugeben, und die betriebliche Gesundheitsförderung gehört auch dazu.

KURIER: Was tun Sie persönlich, um fit und gesund zu bleiben? Ich versuche, mindestens einmal die Woche einen längeren Spaziergang zu machen, in der Stadt oder auf dem Land, wo ich mich eben gerade befinde. Das tut Kopf und Körper gut. Ansonsten mache ich regelmäßig Krafttraining im Fitness-Studio.