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Tuesday, 23. October 2018 · 19:57 Uhr
 
 
 

»Thema Armut geht uns alle an«

Lena Wirthmüller vom Caritas Zentrum Dachau setzt sich gegen die Stigmatisierung von Sozialhilfeempfängern ein

Lena Wirthmüller, Fachdienstleitung Soziale Dienste im Caritas Zentrum Dachau. (Foto: A. Förster)

Anfang Mai hat das Caritas Zentrum Dachau den aktuellen Armutsbericht im Kreistag vorgestellt. Das 159 Seiten lange Kompendium ist auf der Homepage der Caritas Dachau zu finden und als Ausdruck vor Ort erhältlich. Verantwortlich ist Lena Wirthmüller. Die Leiterin des Fachdienstes Soziale Dienste, Allgemeine Sozialberatung sowie Schuldner- und Insolvenzberatung fasst im Interview mit dem KURIER die Fakten zusammen:

KURIER: Gibt es nennenswerte Veränderungen zum ersten Armutsbericht aus dem Jahr 2012?

Wirthmüller: Die Zahl der Menschen, deren Existenzminimum durch staatliche Transferleistungen gesichert wird, ist seit 2012 um weniger als ein Prozent gestiegen. Der überwiegende Anteil davon sind Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

KURIER: Hat es damals Konsequenzen gegeben, die bis heute nachwirken?

Wirthmüller: Aus unserer Sicht ist die größte Veränderung der veränderte Umgang mit dem Thema. Zum Beispiel zeigt die Beauftragung des zweiten Armutsberichts durch den Kreistag, dass Armut gesehen und ernst genommen wird. Wir hoffen, dass Stigmatisierung und Scham bei den Betroffenen weiter abgebaut werden und viele Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursachen und Milderung der Symptome in den nächsten Jahren umgesetzt werden können.

KURIER: Wer ist aktuell besonders von Armut betroffen?

Wirthmüller: Im Landkreis Dachau sind besonders Alleinerziehende, Rentner, Menschen ohne private Altersvorsorge, Selbstständige, insbesondere Einzelunternehmer mit geringem Einkommen, Migranten mit mangelhaften Deutschkenntnissen und bei Nicht-Anerkennung von Ausbildungen, Menschen ohne Schul- oder Ausbildungsabschlüsse, nicht Arbeitsfähige, Menschen mit Schulden, und noch viele mehr...

KURIER: Wie viele Kinder sind von Armut betroffen?

Wirthmüller: Im Landkreis lebten am 31.12.15 insgesamt 1.136 Kinder unter 18 Jahren, davon 830 unter 15 Jahren, von ALG 2 oder Hartz IV. Das sind 4,3 % der unter 18-jährigen. Dem aktuellen Münchner Armutsbericht zufolge kommt nochmal die gleiche Anzahl an Personen hinzu, deren Einkommen über der Sozialhilfegrenze, aber unter der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Hiervon kann man kann auch im Landkreis Dachau ausgehen.

KURIER: Wo leben die Geringverdiener?

Wirthmüller: Es gibt eine Ballung auf städtische Gebiete, also Stadt Dachau und Karlsfeld. Dafür gibt es diverse Gründe, zum Beispiel mehr Single-Haushalte, bessere Beratungs- und Verkehrsinfrastruktur, mehr Anonymität. Die wenigsten Bezieher von ALG 2 (Sozialhilfe) gibt es in Bergkirchen, Pfaffenhofen an der Glonn und Hebertshausen.

KURIER: Wie können Staat, Verbände, Gesellschaft helfen?

Wirthmüller: Der Armutsbericht enthält zahlreiche Handlungsempfehlungen. Dazu gehört, dem Thema offen zu begegnen. Armut geht uns alle an, Wegschauen schafft sozialen Unfrieden. Es braucht außerdem bezahlbaren Wohnraum, bezahlbare Mobilität, niedrigschwellige Hilfen wie eine landkreisweise Jugend-Freizeitcard sowie die Unterstützung des Netzwerks »Armutsarbeit im Landkreis Dachau«, das sich ab Herbst gründen wird.

KURIER: Wohin können sich Betroffene wenden?

Wirthmüller: Betroffene können sich an das Caritas-Zentrum Dachau unter Tel. 08131-2980 wenden – wir helfen gerne, die richtigen Ansprechpartner/innen für die jeweiligen Fragestellungen zu finden. Neben der Caritas gibt es beim Landratsamt sowie bei einzelnen Gemeinden und Verbänden (AWO, BRK, VdK) vielfältige Beratungs- und Unterstützungsangebote für Menschen, die von Armut bedroht oder betroffen sind.

Anfang Mai hat das Caritas Zentrum Dachau den aktuellen Armutsbericht im Kreistag vorgestellt. Das 159 Seiten lange Kompendium ist auf Wunsch für Interessenten abrufbar, die mit der Caritas Dachau Kontakt aufnehmen.

Im Interview mit dem KURIER fasst Lena Wirthmüller, Leiterin des Fachdiensts Soziale Dienste, Schuldner- und Insolvenzberatung, die Fakten daraus zusammen:

KURIER: Gibt es nennenswerte Veränderungen zum ersten Armutsbericht aus dem Jahr 2012?

Die Zahl der Menschen, deren Existenzminimum durch staatliche Transferleistungen gesichert wird, ist seit 2012  um weniger als 1 Prozent gestiegen. Der überwiegende Anteil davon sind Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

 

X Hat es damals Konsequenzen gegeben, die bis heute nachwirken?
Aus unserer Sicht ist die größte Veränderung seit der Veröffentlichung des ersten Armutsberichts der veränderte Umgang mit dem Thema Armut im Landkreis Dachau. Beispielsweise zeigt die Beauftragung des zweiten Armutsberichts durch den Kreistag, dass „Armut“ gesehen und ernst genommen wird. Wir hoffen, dass Stigmatisierung und Scham bei den Betroffenen dadurch weiter abgebaut werden und viele der wichtigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursachen und Milderung der Symptome von Armut in den nächsten Jahren umgesetzt werden können.

X Wer ist aktuell besonders von Armut betroffen? Bzw. wer ist gefährdet?

Im Landkreis Dachau sind besonders Alleinerziehende, Rentner/innen, Menschen ohne private Altersvorsorge, Selbstständige, insbesondere Einzelunternehmer/innen mit geringem Einkommen, Migrant/innen mit mangelhaften Deutschkenntnissen und bei Nicht-Anerkennung von Ausbildungen, Menschen ohne Schul- oder Ausbildungsabschlüsse, nicht Arbeitsfähige, Menschen mit Schulden, die Liste ließe sich noch weiterführen…

X Haben wir in Dachau eher ein Problem mit Kinder- oder Altersarmut?
Die Anzahl der Kinder, die nach den vorliegenden Daten von Armut betroffen oder zumindest bedroht sind, liegt niedriger als im Durchschnitt der Bundesrepublik.

X Konkret gefragt: Wie viele Kinder sind von Armut betroffen?

In allen „Bedarfsgemeinschaften“ (Hartz IV, ALG 2) im Landkreis lebten am 31.12.15 insgesamt 1.136 Kinder unter 18 Jahren, davon 830 unter 15 Jahren. Es sind demnach 4,3 Prozent der unter 18-jährigen. Diese Kinder sind von Armut betroffen. Zudem gibt es noch einen Kreis von Kindern, bei deren Eltern das Einkommen so hoch ist, dass die Familie keine „Sozialhilfeleistungen im weiteren Sinne“ bezieht, das Einkommen jedoch wiederrum so niedrig ist, dass die Familie dennoch unter der „Armutsgefährdungsgrenze“. Hier liegt keine konkrete Zahl für den Landkreis Dachau vor. Dem aktuellen Münchner Armutsbericht ist zu entnehmen, dass auf die Anzahl der „Sozialhilfeempfänger*innen“ nochmal ca. die gleiche Anzahl an Personen kommt, deren Einkommen über der Sozialhilfegrenze, aber unter der Armutsgefährdungsgrenze liegt. Ich denke, man kann hiervon auch im Landkreis Dachau ausgehen.

Wo leben eher die Geringverdiener im Landkreis?
Bei den Empfänger*innen von Leistungen nach SGB II (ugs. Hartz IV) sieht man anhand der Grafik auf S. 54 des Armutsberichts gut, dass es eine Ballung auf städtische Gebiete (bei uns Stadt Dachau und Karlsfeld) gibt. Hierfür gibt es verschiedene Gründe und Hypothesen, die sich teilweise gegenseitig bedingen (Mehr Single-Haushalte, bessere Beratungs- und Verkehrsinfrastruktur, mehr Anonymität,… uvm).

X Wie können Staat/Verbände/Gesellschaft helfen?

Unter vielen Themen greife ich ein paar heraus – der Armutsbericht enthält ja zahlreiche Handlungsempfehlungen :

    • Betroffene nicht stigmatisieren, nicht pauschalisieren sondern einzelne Geschichten betrachten, dem Thema Armut offen begegnen – Haltung zeigen
    • Momentan vordringliches Thema: Ausreichend bezahlbaren Wohnraum schaffen!
    • (Bezahlbare!) Mobilität für alle im Landkreis ermöglichen
    • Konkrete niedrigschwellige Hilfen vor Ort und landkreisweit schaffen, z.B. landkreisweise Jugend-Freizeitcard o.Ä.
    • à Unterstützung des Netzwerks „Armutsarbeit im Landkreis Dachau“, das sich ab dem Herbst gründen wird

  • X Wohin können sich Betroffene wenden?
    Betroffene können sich an das Caritas-Zentrum Dachau unter Tel. 08131-2980 wenden – wir helfen gerne, die richtigen Ansprechpartner*innen für die jeweiligen Fragestellungen zu finden. Denn neben der Caritas gibt es auch beim Landratsamt unter Tel. 08131-740, einzelnen Gemeinden und bei anderen Verbänden (AWO, BRK, VdK,…) vielfältige Beratungs- und Unterstützungsangebote für Menschen, die von Armut bedroht oder betroffen sind.