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Thursday, 15. November 2018 · 09:17 Uhr
 
 
 

»Der Tierschutzverein Dachau ist ein wichtiger Partner für uns«

Interview mit Landrat Stefan Löwl zum Thema Tierschutz in Land und Kreis

Da wurde schon intensiv diskutiert: Frau Nelly bei Landrat Stefan Löwl. (Foto: Foto Sessner/Julia Märkl)

Der Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU) hat sich positioniert für den Tierschutz, den Tierschutzverein und das Dachauer Tierheim: Er unterstützte nicht nur die Nominierung des Vereins für den mit 20.000 Euro dotierten Bayerischen Tierschutzpreis, er nahm mit Kollegin Dr. Bettina Brühl vom Veterinäramt sogar an der Feierstunde in der Residenz München teil. (Nicht ohne neidvolle Anerkennung nahmen dies die anwesenden Tierheime und Offiziellen zur Kenntnis).

Ein bisserl schade war, dass aus der Lokalpolitik fast keine Anerkennung, nicht mal ein Like auf Facebook kam. Ausnahme war wieder die Stadt Dachau, für die Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) herzlich gratulierte.

KURIER Haustier-Redakteurin Frau Nelly nahm die Auszeichnung zum Anlass, um mit Landrat Löwl offen und kritisch über Tierschutzfragen zu sprechen. Und weil er ein »gstandner Mo und Politiker« ist, hat sie kein Blatt vor den Mund genommen…

Frau Nelly: Lieber Herr Landrat, erstmal möchte ich Ihnen danken. Nicht nur die Unterstützung der Nominierung, vor allem Ihre Anwesenheit bei der Ehrung des Tierschutzvereins bedeutet den Dachauer Tierschützern sehr viel. Wer hat Ihnen denn sonst noch auf die Schulter geklopft?

Stefan Löwl: Nicht viele, aber das ist auch nicht nötig. Es war für mich eine persönliche Freude, bei der hochverdienten Ehrung in München mit dabei zu sein und damit auch die Anerkennung des Landkreises sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Landratsamt für die langjährige und zuverlässige sowie professionelle Zusammenarbeit und das unbezahlbare Engagement zum Ausdruck zu bringen. Der Tierschutzverein Dachau ist ein wichtiger Partner für uns. Über Facebook kamen jedoch Gratulationen von Kreisräten, Bundestagsabgeordneten und sogar dem neuen Staatskanzleiminister Florian Herrmann.

Frau Nelly: Silvia Gruber, Vorsitzende des Dachauer Tierschutzvereins, ist meine Seelenverwandte weil ein wahrer Terrier in ihr schlummert. Hat sie sich in ein Thema verbissen, lässt sie nicht mehr locker - und das seit fast 30 Jahren. Ist das nun gut oder verschreckt es die lokale Politprominenz eher?

Stefan Löwl: Grundsätzlich ist es gut. Es gibt viele Themen in unserer Gesellschaft, welche nur durch ein ganz besonderes, persönliches Engagement Einzelner vorangebracht werden. Natürlich ist dies als lokaler Verantwortungsträger manchmal anstrengend. Wichtig ist hierbei Respekt und Verständnis für den jeweils anderen zu haben; als Politiker für das freiwillige Engagement und als engagierter Mitbürger für die Sachzwänge der Politik und die nun mal gegebenen und zu beachtenden Zuständigkeiten. Die Themenfelder, Probleme, Ideen und Projekte sind ja unbegrenzt, die Ressourcen leider nicht.

Frau Nelly: Menschen machen zusammen komische Dinge und bekommen dafür sogar Geld vom Bürgermeister: Sie schießen Kugeln in Mauslöcher und schauen nicht nach, ob sie die Maus getroffen haben. Sie Springen und Rennen herum, haben dabei aber noch nie Katzen oder Eichhörnchen geschnappt. Glauben Sie auch, dass das sinnvollere und förderungswürdigere Beschäftigungen sind als Tieren zu helfen?

Stefan Löwl: Ich möchte hier keine Rangfolge der Wichtigkeiten vornehmen. Eine sportliche Betätigung ist für die Gesundheit von uns Menschen und gerade von Kindern sehr wichtig, ebenso die Geselligkeit in Vereinen oder sportliche Wettkämpfe. Natürlich muss man als öffentliche Stelle sorgsam entscheiden, für was man die – wie oben schon erwähnt leider – begrenzten Mittel einsetzt.

Frau Nelly: In der Schweiz und Österreich gibt es eine Registrierungs- und Meldepflicht für Hunde und Katzen. Wenn man jedes Tier einem Besitzer zuordnen kann, wären Vorfälle wie die Entsorgung von Katzen im Müllsack oder Aussetzen von Hunden schnell aufgeklärt. Könnte man das in Deutschland oder wenigstens Bayern nicht auch einführen?

Stefan Löwl: Ich kenne dies aus Österreich sowie Niedersachsen, aber nur für Hunde. Bei Katzen ist eine Registrierung freiwillig. Leider ist die Umsetzung äußerst problematisch. In Niedersachsen sind fünf Jahre nach Inkrafttreten der Registrierungspflicht nur 360.000 Hunde offiziell registriert; beim privaten Haustierregister »Tasso e.V.« sind für Niedersachsen dagegen mehr als 577.000 Hunde aufgelistet - also 217.000 mehr. Ich habe daher die Befürchtung, dass man kaum alle Tiere erfassen kann. Gerade der zunehmende illegale Welpenhandel zeigt aktuell dieses Problem besonders drastisch und in einem freien, grenzenlosen Europa ist die nachhaltige Umsetzung und Kontrolle schwierig. Eine solche Regelung darf auf jeden Fall nicht nur zu einem bürokratischen Aufwand für die vielen liebevollen und verantwortungsbewussten Tierbesitzer führen.

Frau Nelly: Am 26. Juni 2018 stellte die Bayerische SPD wiederholt einen Antrag »… unsere Tierheime nicht länger im Stich lassen und die Behörden im Bereich Tierschutz stärken«. Die CSU hat mit 63 Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen gegen alle anderen Fraktionen abgelehnt. Der florierende Freistaat müsste die Unterstützung der Tierheime (als einziges Bundesland) doch nicht allein in die Gemeinden abschieben - ist da »Fremdschämen« für die eigene Partei angesagt?

(Auf der Homepage des Bayerischen Landtags kann man übrigens die namentliche Abstimmungsliste zur 135. Plenarsitzung einsehen – Anm. der Redaktion)

Stefan Löwl: Ich habe sicherlich keinen Grund zum »Fremdschämen«, vor allem nicht für verantwortliche Entscheidungen, welche Politikerinnen und Politiker nach demokratischen Regeln getroffen haben. Der Tierschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, als Staatsziel im Grundgesetz verankert sowie im Tierschutzgesetz grundsätzlich geregelt. Die (finanzielle) Unterstützung der Tierheime ist – zumindest in Bayern - primär aber eine gemeindliche Aufgabe. Die Gemeinden haben unter anderem die artgerechte Unterbringung der Fundtiere sicherzustellen und bedienen sich dabei überwiegend an den von Tierschutzorganisationen getragenen Tierheimen. Kosten für andere behördliche Aufgaben, beispielsweise für die Unterbringung beschlagnahmter Tiere, sind nach den gesetzlichen Bestimmungen von den hierfür zuständigen Stellen zu tragen, sodass den Tierheimen für diese Tätigkeiten eigentlich keine »ungedeckten Aufwendungen« verbleiben dürften. Wenn das Landratsamt Dachau zum Beispiel als staatliche Behörde die Leistungen des Tierheims in Anspruch nimmt, werden diese Aufwendungen »spitz abgerechnet« und – letztendlich durch staatliche beziehungsweise vom Freistaat überlassene Mittel – selbstverständlich übernommen. Natürlich unterstützt der Landkreis das Tierheim bzw. die Arbeit der Ehrenamtlichen darüber hinaus auch immer wieder durch freiwillige Zuschüsse, zuletzt durch die Übernahme der Kosten für eine neue EDV-Anlage in Höhe eines fünfstelligen Betrags. Auch der Freistaat unterstützt – neben der Übernahme der konkreten, von den Tierheimen erbrachten und abgerechneten Leistungen - den Tierschutz durch zusätzliche Mittel, beispielsweise durch den gut dotierten Tierschutzpreis, welchen das Dachauer Tierheim ja in diesem Jahr erhalten hat.

Frau Nelly: Es gibt ein Tierschutzgesetz, das verbietet, gesunde Tier zu töten, das vorschreibt, wie man kranken helfen muss, das Dauer und Art der Unterbringung regelt. Tierheim-Arbeit ist kein schrulliger Zeitvertreib, sondern muss dieses Tierschutzgesetz erfüllen. Spüren Sie ein Umdenken in der Gesellschaft, dass Tierschützer keine naiven Idioten, sondern engagierte Ehrenamtliche sind?

Stefan Löwl: Der Tierschutz erhält nach meiner Wahrnehmung tatsächlich eine größer werdende Öffentlichkeit und Anerkennung. Und das ist Gut und Wichtig. Allerdings gibt es auch immer wieder skurrile Diskussionen, beispielsweise wenn menschliche (Selbst-)Einschätzungen auf Tiere übertragen werden nach dem Motto »Mir würde das als …. auch nicht gefallen«. Problematische und dem Tierschutz letztlich schädliche Tendenzen sehe ich in manchmal fachlich sehr oberflächig, aber dafür umso emotionaler geführten öffentlichen Auseinandersetzungen, bis hin zur Verletzung der zwischenmenschlichen und demokratischen Spielregeln oder strafrechtlich relevanter Handlungen. Mit Experten und Praktikern – wie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Dachauer Tierheims – können die tierschutzrechtlichen Themen aber generell ernsthaft und konstruktiv diskutiert werden.

Frau Nelly: Liegt Ihnen zum Thema Tierschutz noch was auf dem Herzen, was sie loswerden möchten?

Stefan Löwl: Gerade in den letzten Monaten erschreckt mich eine Entwicklung, dass immer öfter selbst von wohlhabenden Tierhaltern die Kosten für medizinische Behandlungen ihrer Haustiere auf die Gesellschaft oder die Tierheime abgewälzt werden. Ich bekomme regelmäßig Berichte, dass kranke oder verletzte Tiere im Tierheim zur Behandlung abgegeben werden, um sich die Kosten zu sparen. Auch von Tierärzten kommen immer wieder die Rückmeldungen, dass Tiereigentümer Rechnungen nicht bezahlen und die Tiere lieber töten lassen wollen oder aussetzen. Auch die allgemein öffentlich bekanntwerdenden Fälle, dass Tiere nach einer ersten Begeisterung oder vor dem längeren Urlaub »entsorgt« werden, machen mich jedes Mal wieder betroffen. So geht man nicht mit Mitgeschöpfen um und ich biete hier auch regelmäßig behördliche Hilfe bei der Verfolgung solcher Fälle an. Oft bin ich rat- und sprachlos, wie verantwortungslose Tierhalter ihrer Verantwortung nicht nachkommen und äußerst dreist entweder die Allgemeinheit oder die privaten Tierschutzvereine in Anspruch nehmen.

Herr Löwl, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben für unser Interview. Ich hoffe, dass Sie dem Tierschutz im Landkreis Dachau noch lang als starker Verbündeter und Unterstützer erhalten bleiben.

Interview: Frau Nelly

Foto: Sessner Dachau