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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Tuesday, 10. December 2019 · 04:31 Uhr
 
 
 

Das schönste aller Geschenke

Siegergeschichte von Pia Wallner

 

Es ist der 23. Dezember, die letzte Stunde vor den Weihnachtsferien. Für die Religionsstunde konnte sich jeder noch einmal konzentrieren, denn das schöne Gefühl an Weihnachten zauberte auch den Faulen ein Lächeln aufs Gesicht.

Die Lehrerin bat  aufzuschreiben, was Weihnachten für einen bedeutet, was man fühlt oder was man damit verbindet. Eifrig und schmunzelnd begannen die Kinder zu schreiben, doch auf Lillis Blatt sah man auch nach zehn Minuten nichts außer gähnender Leere. Als die Lehrerin sagte „Jetzt sammeln wir die Blätter ein, lesen sie vor und jeder der mag kann seine schönen Gedanken an den 24. Dezember an die Pinnwand hängen!“, kritzelte Lilli noch schnell etwas auf ihr Blatt. Dann hörte man die Lehrerin schon vorlesen: „Mit Weihnachten verbinde ich, dass man in die Kirche geht die schön geschmückt ist, Kerzenlicht, die Geburt Jesu, Freude, gute Laune….und zu guter Letzt natürlich Geschenke.“  So ging es weiter und nach zwanzig vorgelesenen, vollen Seiten kam noch das letzte Blatt zum Vorschein. Darauf standen nur sechs Worte, in fast unleserlicher Schrift: „Die Geburt Jesu und kleine Geschenke.“  Jeder lachte und rätselte, wessen Blatt es gewesen war, denn die Lehrerin hatte die Namen nicht vorgelesen. Eigentlich hätten die Kinder gleich wissen müssen wessen Blatt es gewesen war, denn Lilli saß traurig und allein da, nur die Lehrerin schaute zu ihr. 

Bald schon läutete der in die Winterferien einladende Gong. Schüler und Schülerinnen stürmten, noch schnell „Schöne Ferien“ wünschend, hinaus. Doch Lilli wurde von ihrer Lehrerin an das Pult hervorgeholt um ihre Worte auf dem Zettel zu erklären. „Fällt dir nicht mehr ein? Verbindest du mit Weihnachten nicht mehr?“ fragte sie. „Nein, meine Mutter arbeitet am Flughafen und hat immer an Weihnachten Dienst, da sie im Vergleich zu ihren Kolleginnen das älteste Kind hat. Und außerdem sagt sie immer, an Weihnachten zu arbeiten bringt viel Geld, das wir gut gebrauchen können.“

„Aber dein Vater ist doch da?“ „Ja, mein Vater ist da, aber der ist so erschöpft und gestresst von seiner Arbeit, dass ich ihn nicht stören will. Wir stellen zwar einen Weihnachtsbaum auf, aber beim Schmücken streiten wir meistens, weil Papa eigentlich gar keine Lust dazu hat. Ansonsten, Plätzchen gibt es schon, dann meine Oma bäckt immer welche. Aber an Weihnachten hat Oma auch keine Zeit, denn sie ist bei meiner Tante Waltraudt, die in Frankfurt wohnt. Die sieht sie sonst auch nicht so oft. So ist das bei uns jetzt schon ein paar Jahre.“ „Ich kann schon verstehen, dass du traurig bist“, murmelte die Lehrerin.  „Wie läuft denn dann dein Weihnachtstag ab?“ „Eigentlich ganz genau wie ein gewöhnlicher Sonntag, nur dass mir abends mein Papa Geschenke überreicht.  Ich lese meistens ein Buch, das ich bekommen habe und er sieht fern.“ „Vielleicht wird sich ja dieses Jahr etwas ändern. Kopf hoch, dann können es ja nur schöne Ferien werden“, meinte die Lehrerin ermunternd. „Danke und ihnen auch schöne Weihnachten“ flüsterte Lilli und verließ still das Klassenzimmer.

Am nächsten Tag aber geschah etwas Komisches. Als Lilli aufwachte, duftete es schon im ganzen Haus nach frischen Semmeln und Croissants. Gar nicht nach Vaters Geschmack, so früh aufzustehen. Hatte er sich über Nacht völlig geändert? Neugierig schlich sich Lilli in die Küche. Auf dem Weg merkte sie, dass das Wohnzimmer zugesperrt, das Haus weihnachtlich dekoriert und die Krippe aufgebaut war. Nun verstand Lilli die Welt nicht mehr. In der Küche angekommen sah sie den wunderschön aufgedeckten Tisch und den mit vier Kerzen brennenden Adventskranz. Lilli konnte es nicht fassen. Jetzt sah sie auch am Herd, auf dem Spiegeleier brutzelten, lächelnd ihre Mutter stehen und die fragte: „Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“ „Mama, was machst du denn hier? Musst du heute nicht arbeiten?“ „Nein, für heute wurde ein Schneesturm angesagt und deswegen fallen viele Flüge aus“, erklärte ihre Mutter.“Juhuuuuu!“ freute sich Lilli und strahlte über das ganze Gesicht. Auch Papa  schien sich sehr zu freuen, dass Mama nicht arbeiten musste, denn er kam gutgelaunt die Treppe herab. Nach einem gemütlichen Frühstück und einem Nachmittag mit gemeinsamen Spielen gingen alle zusammen schon um vier Uhr in die Kindermette. Diese war wunderschön und feierlich und besonders die wunderbare Musik verzauberte Lilli. Als sie um halb sechs nach Hause kamen, aßen sie gemeinsam und es ging lustig her. Dann klingelte es an der Tür und Oma stand mit einer Dose Plätzchen und einer großen Tüte Geschenke davor. „Oma ist auch da!“ freute sich Lilli und umarmte sie kraftvoll. Auch Oma hatte wegen der Wetterverhältnisse nicht zu Tante Waltraudt fahren können.

Nach dem Essen wurde die Wohnzimmertür aufgesperrt. Das Feuer erleuchtete knisternd den Raum, Kerzen flackerten und hinter dem Sofa stand ein geschmückter Tannenbaum unter dem ein Haufen Geschenke lag. „Wow!“, für einen Moment war Lilli sprachlos, dann kniete sie sich unter den Baum und öffnete die Päckchen.

Doch erst später, als alle gemütlich zusammen saßen, erhielt Lilli das schönste Geschenk von allen, das keinen Cent kostete. Mama sagte nämlich: „Dieser Abend ist so schön, dass ich beschlossen habe die nächsten Jahre an Weihnachten nicht zu arbeiten, denn eine glückliche Familie ist viel mehr wert als Geld."