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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Tuesday, 23. January 2018 · 02:58 Uhr
 
 
 

Stellungnahme

»Wahrzeichen städtischer Industriegeschichte«

Ein offener Brief des Architekturforums für den Erhalt des MD-Heizkraftwerks an Oberbürgermeister und Stadtrat Dachau:

Rund hundert Dachauer Bürger sind am 20. Juni dem Aufruf der Stadt gefolgt und haben im Ludwig-Thoma-Haus über die Zukunft des »Papierviertels« (ehem. MD-Gelände) diskutiert. Über 400 Wünsche und Anregungen konnten im Rahmen dieser in Dachau so erstmals durchgeführten Bürgerbeteiligung zusammengetragen werden. Die Themen reichten von der architektonischen Qualität über die Dichte der Bebauung und die ausgewiesenen Grünflächen bis zu sozialen Aspekten. Nun haben Sie, der Dachauer Stadtrat, die schwere Aufgabe, zu entscheiden, welche Wünsche und Ideen relevant sind und vor allem aber: welche mit dem bisherigen städtebaulichen Entwurf des Planungsbüros Trojan Trojan + Partner aus dem Jahr 2008 vereinbar sind und in welchen Bereichen die Planung überdacht werden muss.

Ein Wunsch, der gerade in der Arbeitsgruppe »Städtebau und Freiraum« auf einhellige Zustimmung stieß, betrifft den Erhalt des ehemaligen Heizkraftwerks mit seinen markanten drei Kaminen. Für Nicht-Dachauer und junge Bürger mag dieser Vorschlag vielleicht irritierend sein. Grund genug für das Architekturforum Dachau zu einigen erläuternden Worten.

Symbol Dachauer Industriegeschichte

Das einzigartige Bild mit den drei Kaminen auf dem kubisch markanten, etwas spröden Industriebauwerk des ehemaligen Heizkraftwerks steht für ein Dachau, das in vielen historischen Betrachtungen eher eine marginale Rolle spielt: Das »normale« Dachau. Ein Ort mit Industrie und Gewerbe, an dem Menschen arbeiten und leben, seit vielen hundert Jahren. Nicht der Wittelsbacher-Sitz, nicht die Künstlerkolonie, nicht der Ort des NS-Terrors. Somit ist das Kraftwerk ein wahrhaft identitätsstiftendes Gebäude: ein weithin sichtbares Symbol Dachauer Industriegeschichte, ein wichtige Landmarke und ein fester Bestandteil der Dachauer Stadtsilhouette.

Auch in der medialen Berichterstattung zum Papierviertel wird symbolhaft stets das Heizkraftwerk abgebildet. Es verleiht dem Gelände seit Jahrzehnten eine eigene Identität – und wenn man will auch in der Zukunft: Das neue Gebiet hat sein markantes »hohes Haus« bereits und benötigt eigentlich kein anderes mehr. Es kann nicht einfach durch einen Neubau ersetzt werden. Deshalb empfiehlt das Architekturforum dringend, den Erhalt des Heizkraftwerks zu prüfen. Die schadstoffbelasteten Einbauten und Oberflächen müssen ohnehin gesondert abgetragen und entsorgt werden – ganz gleich, wie die Zukunft des Gebäudes aussieht. Das Büro Trojan Trojan + Partner sollte beauftragt werden, Planungsvorschläge zu machen, wie das Heizkraftwerk in den städtebaulichen Entwurf integriert werden kann. Dass dies grundsätzlich möglich ist, haben die Planer bereits bestätigt.

Vielfältige Nutzungen denkbar

Als Nutzungen sind vielfältige kommerzielle wie auch nicht kommerzielle Angebote denkbar, insbesondere für Freizeit, Sport und (Jugend-)Kultur. Dabei meinen wir nicht nur den Turmbau mit den drei Kaminen, sondern auch das angegliederte stützenfreie und lichtdurchflutete Hallengebäude. Mit diesem Ensemble könnte die ohnehin überlastete Hallensituation (Thomahaus) sinnvoll und wirtschaftlich ergänzt werden. Zudem würde sie ein attraktives Alleinstellungsmerkmal in der Region darstellen.

Für erfolgreiche Umnutzungen von Industriebauten gibt es zahlreiche Beispiele: von der Zeche Zollverein in Essen über das Wasserwerk in Hamburg, die Gasometer in Oberhausen und Wien bis zu einem aktuellen Projekt ganz in der Nähe: das Möbelhaus »Kare-Kraftwerk« in München-Sendling.

Wir haben einen außergewöhnlichen Gebäudekomplex, fernab aller kurzlebiger Gestaltungstrends. Was wir jetzt brauchen: den Willen, ihn zu erhalten, Kreativität und gute Ideen für eine sinnvolle und wirtschaftliche Nutzung. Denn schließlich ist allgemeiner Konsens: Planungshoheit hat die Stadt Dachau.

Emil Kath

1. Vorsitzender architekturforum dachau e.V.

PS: Jeder Dachauer bringt dieses Areal mit der ehemaligen Papierfabrik in Verbindung. Wir plädieren für den Begriff »Papierviertel« anstatt »Mühlbachviertel«.

(Der Leserbrief gibt ausschließlich die Meinung des Autors wieder.)