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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Wednesday, 22. August 2018 · 05:34 Uhr
 
 
 

Leserbrief von Jörg Brüggemann

MD-Auftaktveranstaltung vom 11. Juni 2015 im Ludwig-Thoma-Haus

Die Stadt Dachau lud zur Bürgerbeteiligung ein, viele waren gekommen und viele sind bereits zur Hälfte der Veranstaltung, möglicher Weise mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht, wieder gegangen. Gegen 19:30 Uhr war der Saal im Thoma-Haus gerade noch zur Hälfte gefüllt. Doch was lässt sich aus dieser Veranstaltung zur »Bürgerbeteiligung herauslesen? Werden die Bürger und die Stadt Dachau zu guter Letzt wirklich noch einen Grund zum Lachen haben?

Zu erst ein großes Lob für die Absicht der Eigentümer und der DEG hier das MD-Gelände sanieren zu wollen. Denn wenn man sich z. B. auch nur deutschlandweit umsieht, ist es alles andere als üblich und selbstverständlich ein solches Gelände tatsächlich zu sanieren. In der Regel wird es fluchtartig zurückgelassen.

Lob an die Stadt, die sich hier tatsächlich um einen sozialpolitischen Prozess mit aktiver Bürgerbeteiligung zu bemühen scheint.

Lob auch an das Architekturbüro, welches scheinbar im Rahmen der vorgegeben Möglichkeiten getan hat was es konnte.

Lob für einige gute Teillösungen, welche an der richtigen Stelle, z. B. beim Nord-Kopf, beinahe den richtigen Zweck erfüllen.

Doch stellt sich hier durchaus die Frage: "Warum so mutlos in wesentlichen Bereichen?“

Zum Beispiel bei der Leitfunkton und dem Schallschutz: Warum den Ball beim Nord-Kopf unnötig flach halten, statt mutig wichtige Akzente in die Höhe zu setzen? Warum verwirklicht man bahnseitig keinen Schallschutz, der seinem Namen auch tatsächlich gerecht werden kann? In Falle der bisherigen Planung dürfte der Schall hier nicht nur wesentlich auf die gegenüberliegenden Anwohner reflektiert werden, nein, er wird wohl durch die deutliche Perforation des vorgesehenen „Schallschutzes“ erst verstärkt und dann in die Innenhöfe geleitet werden um sich dort selbst zu fangen.

Warum nicht Mut beweisen und hier z. B. eine Schallschutz-Schlange aus Gewerbe-, Garagen- und Versorgungsgebäuden errichten, die z B. 15 Stockwerke hoch ist und obendrauf setzt man dann noch eine Reihe Penthäuser? Mit kleineren flankierenden Maßnahmen reflektiert der Schall dann auf die Gleise und verschwindet anschließend im All, statt wie ein PingPong-Ball hin und her zu wandern. Ein Penthouse im oberen Stockwerk dürfte das dann ebenso wenig tangieren wie die übrigen Bewohner des neuen Quartiers und deren Nachbarn auf der anderen Seite.

Wie wird das eigene Potenzial einer zukunftsweisenden Energieversorgung berücksichtigt? Scheinbar gar nicht! Ein Versorgungskonzept mit einem möglichst hohem Anteil an regenerativen Energien sowie möglichst hoher Eigenversorgung ist schlicht nicht vorhanden. Demnach wurden hier nicht nur in Zeiten der Rohstoffverknappung sondern auch in Hinblick auf die zukünftige Bedeutung des Gemeinwohls essentielle wie gleichermaßen wegweisende und planerische Möglichkeiten außer acht gelassen, die sich heutzutage kein Städteplaner mehr leisten kann!

Warum also fehlt der sinnvolle Einsatz von Photovoltaik? Warum stecken in den beiden Staustufen des Mühlbaches keine Wasserturbinen? Wurde ein entsprechend notwendiges Emissionsgutachten für die Genehmigung eines vielleicht notwendigen Blockheizkraftwerks berücksichtigt? Macht es wirtschaftlich wirklich Sinn, Fernwärme von z. B. der gemeinsamen Müllverbrennungsanlage in Geiselbullach über eine solche Entfernung zu schicken? Oder ist es nicht sinnvoller und kostengünstiger Strom möglichst dort zu produzieren, wo er auch verbraucht wird? Könnte durch die Berücksichtigung solch planerischer Aspekte vielleicht ein bayern- oder gar bundesweites städtebauliches Vorzeigeprojekt entstehen?

Wie realistisch ist „Die Platte“? Ist "Die Platte" zur Bahnüberfhürung der abgesenkten Freisinger Straße bereits querfinanziert und wird diese somit tatsächlich realisiert werden? Oder besteht hier vielleicht ein unkalkulierbares (Rest)Risiko, dass "Die Platte" möglicherweise das Letzte sein wird, was tatsächlich nicht mehr realisiert werden wird... - weil dafür später möglicherweise die Mittel fehlen könnten?

Insgesamt wurde hier in einer medial mittelmäßigen Show, mit beruhigender Nebenwirkung der Bürgerbeteiligung, ein neuer Stadtteil präsentiert, dessen gute Teillösungen der Reich- und Tragweite eines solchen Jahrhundertvorhabens dennoch nicht gerecht werden können. Ohne Berücksichtigung des vorhandenen und zukunftweisenden Verbesserungspotenzials, sowie ohne den für ein solches Projekt notwendigen Mutes, wirklich Neues zu erschaffen, wird diese richtige und sehr wichtige Maßnahme für die Stadt Dachau sehr weit hinter den eigentlichen Möglichkeiten zurückbleiben, und ist somit schon jetzt Geschichte. Denn diese Konzeptionierung vermittelt leider auch sehr deutlich den Eindruck, dass aus städtebaulichen Fehlern der 70'/80'/den 90ern oder z. B. der Messestadt Riem (in München-Ost) selbst nicht gelernt wurde.

Das geplante „Kulturzentrum“ wird wohl eher nicht in der Lage sein die Problematiken in einem möglicherweise entstehenden sozialen Brennpunkt, mitten in der Stadt, auffangen zu können. Somit ist hübsch für die Stadt das Eine, zweckmäßig für den Investor das Andere, doch zukunftsfähig für eine Sozialgesellschaft ist etwas ganz anderes. Mir fehlt eine möglichst ganzheitliche und zukunftsweisende Konzeption des Projektes und es verbleibt der von Herrn Ullman selbst zu Anfang präsentierte Eindruck einer möglichst gewinnmaximierenden Bebauung des MD-Areals, mit offenem Restrisiko. In wie fern hier ein Eigentümer und Investor seinen zugesagten Planungen auch wirklich nachkommen wird, dass werden wir ja sehen.

Gottfroh bin ich darüber, dass hier bislang kein Ehrenwort gegeben wurde. Denn Planungen... - sind ja bekanntlich veränderbar!

(Der Leserbrief gibt ausschließlich die Meinung des Autors wieder.)