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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Thursday, 21. June 2018 · 08:20 Uhr
 
 
 

Die Zukunft des MD-Geländes?

Denkschrift des ehemaligen Thementisches »Umwelt-Natur-Energie« der Integrativen Stadtentwicklung

Aus aktuellem Anlass, dem Vorentwurf des Architekturbüros Trojan Trojan & Partner im Auftrag der Stadt Dachau und der Bürgerbeteiligung vom 9. bis 24. Juni 2015, nehmen wir zu den Planungen Stellung und erläutern unsere Sichtweise in folgender Denkschrift.

Der bekannt gewordene Vorentwurf für die Neugestaltung des MD-Geländes (Bürgermagazin »Stadt im Gespräch«, Mai 2015) ist aus folgenden Gründen abzulehnen:

1. Dachau braucht eigene Arbeitsplätze und kein weiteres Wohnviertel für Pendler, die in München arbeiten

2. Der Grünzug am Mühlbach unterhalb der Stadtkrone, Dachaus schönste und wertvollste Ansicht, muss auf dem MD-Gelände seine Fortsetzung finden

3. Die vielbeschworene Planungshoheit der Stadt kann mit dem vorhandenen Bauträger (DEG) nicht glaubhaft wahrgenommen werden. Die Stadt muss das Gelände übernehmen und in eigener Regie entwickeln.

Zu 1:

Auf dem MD-Gelände arbeiteten einmal über 1.200 Menschen, in der Mehrzahl Einwohner der Stadt oder des Landkreises. Die letzten 350 Arbeitsplätze wurden 2007 mit der Schließung der Papierfabrik beseitigt. Wenn man über die Zukunft eines Industrieareals nachdenkt, sollte es naheliegend sein, dort vor allem wieder Arbeitsplätze zu schaffen. Wer auf dieser Fläche überwiegend Wohnungen bauen will, vertieft das Ungleichgewicht zwischen der Metropole München und ihrem Umland.

Soll sich denn Dachau weiter in Richtung Schlafstadt Münchens entwickeln? Haben wir nicht schon jetzt riesige Probleme mit den täglichen Pendlerströmen zwischen Arbeiten und Wohnen? Wann will Dachau endlich anfangen, statt neuer Wohnplätze mehr Arbeitsplätze zu schaffen? Es ist weder rational noch effizient, weder umweltfreundlich noch gesund, weder landschaftsschonend noch energiesparend, wenn jeden Morgen hunderttausende Menschen nach München hineingepumpt und jeden Abend wieder herausbefördert werden. Soll das ewig so weitergehen oder wäre die Entwicklung einer Industriebrache nicht endlich Anlass genug, eine falsche und schädliche Strukturpolitik zu beenden, um es anders, besser zu machen? Sachzwänge? Wir fordern einen stärkeren politischen Willen zur Umsteuerung.

Konkret heißt das: Mindestens 600 Arbeitsplätze auf dem MD-Gelände durch Planung von Gewerbeansiedlung! Dachau sei knapp an Gewerbeflächen heißt es seit Jahren. Hier gibt es 17 Hektar in bester Lage, niemand sollte uns zwingen, dort überwiegend Wohnungen für eine neue Schlafstadt zu bauen. Nach derzeitiger Vorgabe sind bis zu 60% des Areals der Wohnbebauung zugänglich! Wohnungen sollen freilich nicht völlig ausgeschlossen sein, man kann sie an einigen geeigneten Stellen planen. Dies entspricht auch den gemeinsam von allen Thementischen erarbeiteten »Entwicklungszielen für das MD-Gelände«, die am 2. März 2010 Stadtrat und Stadtverwaltung in einer Sondersitzung präsentiert wurden.

Zu 2.

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass namhafte Architekten ein Gebiet planen, ohne vorher nach links oder rechts zu schauen. Weder der seinerzeitige Siegerentwurf des Wettbewerbes, noch der jetzt gültige Vorentwurf nehmen für die geplanten Grünflächen Bezug auf den vorhandenen Grünzug entlang des Mühlbachs und auf den grünen Hang unter der Altstadtkrone. Auch auf die Topographie wird keine erkennbare Rücksicht genommen. Der Mühlbach nördlich der Thomawiese mit seinem alten Baumbestand ist zusammen mit dem steilen, grünen Südhang unter der Altstadt die historisch gewachsene Bilderbuchansicht Dachaus, festgehalten auf vielen Postkarten, drei Werbeprospekten und Gemälden älteren und neueren Datums. Bis heute endet der Mühlbachgrünzug abrupt am sogenannten Fabrikberg der Ludwig-Thoma-Straße, der Bach selbst verschwindet im Untergrund.

In der Broschüre »Das Grüne Band um die Obere Stadt« unseres Thementisches aus dem Jahr 2008 wird vorgeschlagen und ausführlich begründet, wie und warum der Mühlbachgrünzug auf dem MD-Gelände weitergeführt werden sollte. Für das Konzept des »Grünen Bandes um die Oberer Stadt« stellt ein am Mühlbach sich orientierender Grünzug auf dem MD-Gebiet ein äußerst wichtiges Teilstück dar. Nördlich von MD sollte sich der Grünzug entlang der Bahn fortsetzen und bis zum Webelsbach führen. Davon ist leider auf dem ehemaligen BayWa-Gelände trotz unserer substanziell vorgetragenen Bedenken nur ein schmaler Streifen als Straßenbegleitgrün übrig geblieben, wiederum sehr zur Freude der Bauträger.

Der Vorentwurf nimmt leider auch nichts von unserem Vorschlag auf: Der Mühlbach endet nach wie vor unschön am Gebäuderiegel des Fabrikberges. Dahinter gibt es ein seltsames Wasserbecken mit viel zu nahen Wohnbauten am Südrand und einer weiten, leeren Fläche auf der nördlichen Seite. »Urbane« Aufenthaltsqualität? Von einem parkähnlichen Grünzug keine Spur! Die von uns geforderten mindestens 25 Prozent öffentlich zugänglicher Grünflächen (ohne Abstandsflächen) sind auf 20,6 % geschrumpft, wobei der sehr schmale grüne Streifen westlich der Bahngleise zwar als Grünfläche zählt, aber sinnlos und ökologisch wertlos ist. Der in Nord-Südrichtung durch das Quartier verlaufende grüne Streifen ist für einen anspruchsvollen Grünzug viel zu schmal, er ist lediglich ein verbreitertes Abstandsgrün zwischen hohen Gebäuden, lässt eine parkartige Situation nicht aufkommen und mag vielleicht als Durchgangstrasse für Fußgänger und Radfahrer taugen.

Die Amper wird von zu nah am Fluss plazierten und zu hohen Gebäuden förmlich erdrückt. Ist denn die siebenjährige Bürgerbeteiligung der Integrativen Stadtentwicklung so wenig wert gewesen, dass man nichts davon als Basis für eine weitergehende Bürgerbeteiligung berücksichtigt hat? Die Struktur unseres Vorschlages zum »Grünen Band« findet sich übrigens ebenfalls in den »Entwicklungszielen für das MD-Gelände« von 2010 wieder. An deren Grundlagen hat sich seither faktisch nichts geändert.

Zu 3.

Die oft betonte Planungshoheit der Stadt ist nicht nur nach unserem Eindruck zu einer wertlosen Worthülse verkommen. Wir können uns nicht vorstellen, wie ein Bauträger, der in Dachau unschöne Spuren verdichteten Bauens durchgesetzt und hinterlassen hat (»Kaviar statt Butter« in Augustenfeld, »Stockmanngärten« an der H.-Stockmann-Straße), nun ein Vorzeigequartier für Dachau schaffen will. Er wird seine rein wirtschaftlichen Interessen verfolgen, der Vorentwurf bestätigt es bereits.

Dieser Entwurf ist ein weiteres Beispiel für verdichtetes und phantasieloses Bauen mit langweiligen Abstandsflächen. Solange die DEG auf dem MD-Areal das Sagen hat, hat die Stadt das Nachsehen. Es sollte also ernsthaft überlegt werden, wie die Stadt in Eigenregie, zum Beispiel durch den schon in der Vergangenheit diskutierten Ankauf der Flächen, etwas Besseres und Schöneres ohne Zeitdruck planen und gestalten kann. Ein richtiges und behutsames Vorgehen auf dem MD-Gelände kann und soll unsere Stadt aufwerten, und zwar strukturell im Sinne von »Grün-blau«.

Das riesige Potenzial, das gerade Dachau mit seinen vielen Fließgewässern und dem noch zu entwickelnden grünen Netzwerk hat, muss auch auf dem MD-Gelände zu angemessener Geltung kommen. Gerade hier kann man aus einem bisher unzugänglichen und völlig versiegelten Quartier ein Musterbeispiel dafür schaffen, wie sich Dachau in den nächsten Jahrzehnten entwickeln sollte: zur »Perle über dem Dachauer Moos«!

Schlussbemerkung:

Wir halten die jetzt offerierte nur punktuelle Beteiligungsmöglichkeit mit ihren eingeschränkten Fragestellungen nicht für zielführend, um der strukturellen Bedeutung dieser stadtplanerischen Jahrhundertaufgabe gerecht zu werden. Unser Vorschlag geht deshalb bewusst weit über diese jetzt von der Stadt angebotene Form der Bürgerbeteiligung hinaus.

(Der Artikel gibt ausschließlich die Meinung der Verfasser wieder.)