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Kurier Dachau - Das Wochenblatt für Dachau
 
Tuesday, 18. June 2019 · 12:49 Uhr
 
 
 

»Aus der Erinnerung entsteht Verantwortung«

Bei ihrem Besuch in Dachau nahm Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth auf dem Regiestuhl Platz

Claudia Roth nahm sich trotz eines vollen Tages Zeit, um im Rathaus-Foyer auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. (Foto: Foto Sessner)
 

Claudia Roth gehört zu den prominentesten Politikerinnen in Deuschland. Seit ihrem 16. Lebensjahr setzt sie sich aktiv für die Demokratie ein. Zunächst bei den Jungdemokraten, seit 1987 bei den Grünen. Neun Jahre lang, bis 2013, war sie Bundesvorsitzende der Partei. Seit 2013 ist sie Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus kam die 63-Jährige nach Dachau und sprach mit der Holocaust-Überlebenden Ruth Melcer im Rathaus. Außerdem nahm sie sich Zeit für den KURIER.

KURIER: Wie haben Sie Ihren Besuch in Dachau erlebt?

Roth: Schon der Gang durch die Gedenkstätte als Erinnerungsort war sehr bewegend. Es ist ein Ort, an dem sich grausamste Verbrechen zugetragen haben, ein Ort der Tränen und der Gewalt. Das nimmt mich natürlich emotional immer wieder mit, und führt gleichzeitig vor Augen, welche Verantwortung die Vergangenheit für uns alle mit sich bringt. Aus der Erinnerung entsteht die Verantwortung für eine starke Demokratie.

KURIER: Sie hatten bei der Kranzniederlegung eine besondere Begegnung?

Roth: Sarah hat im Bundestag ein Praktikum absolviert. In einem Gespräch stellte sich heraus, dass ihr Uropa in Dachau inhaftiert gewesen war, und dass sie unbedingt mehr über ihn erfahren will. Also haben wir sie eingeladen, uns nach Dachau zu begleiten und einen Kranz niederzulegen. Dann kam die Überraschung: Die Gedenkstätte überreichte ihr alle Unterlagen, die es von ihrem Uropa noch gab, Briefe, Zeichnungen. Sarah war tief bewegt – ein ergreifender Moment.

KURIER: Dadurch wird das Grauen persönlich...

Roth: Genau. Das Unvorstellbare bekommt ein Gesicht. Und es zeigt: Es sind die vermeintlich kleinen Dinge in den Gedenkstätten, die am meisten berühren: ein Foto hier, ein Rätselheft dort... Diese Dinge machen aus Opfern Menschen. Deshalb hat mich das anschließende Gespräch mit Ruth Melcer auch so berührt.

KURIER: Es war ja einer der seltenen Auftritte von Frau Melcer in der Öffentlichkeit.

Roth: Sie wollte eigentlich nie über die Vergangenheit öffentlich sprechen. Doch nun ist sie eine der letzten noch lebenden Zeitzeuginnen. Und sie spürt für sich die Verantwortung, etwas zu tun in diesen schwierigen Zeiten. Ich habe sie sehr bewundert für ihren Mut, sich der Vergangenheit öffentlich zu stellen. Und es war großartig zu sehen, wie viele junge Menschen ihr zugehört haben.

KURIER: Im letzten Jahr gingen wieder mehr Menschen auf die Straße. Macht Ihnen das Mut?

Roth: Unbedingt. Nehmen Sie allein Bayern, die Demos in München gegen das Polizeiaufgabengesetz oder wie sich meine Heimatstadt Augsburg aufgestellt hat beim AfD-Parteitag letztes Jahr im Sommer. Nonnen im vollen Habit haben da im letzten Sommer für Zusammenhalt und gegen Rassismus demonstriert – gemeinsam mit tausenden Schülerinnen und Schülern, mit Umweltaktivisten und Flüchtlingshelferinnen. Viel mehr Menschen zeigen Gesicht für Demokratie und Menschenwürde, das macht mir Mut.

KURIER: Und jetzt die Jugendbewegung für mehr Umwelt- und Klimaschutz.

Roth: Einfach großartig! Es gibt noch genug Menschen, die den Klimawandel entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse leugnen. Und auch die Bundesregierung, der die Klimakrise durchaus bewusst ist, geht allenfalls kleinste Schritte. Die Jugendlichen haben zu Recht die Schnauze voll davon. Wenn sie jetzt demonstrieren, setzen sie sich aktiv für ihre Rechte ein, nämlich das Recht auf Zukunft ein. Ich unterstützte das ausdrücklich.

KURIER: Sehen Sie hier schon die künftige Generation von Grünen-Wählern?

Roth: Ich sehe junge Menschen, die nicht weiter akzeptieren wollen, dass wir ihre Zukunft verbauen. Aber klar, aktuelle Umfragen zeigen auch: Ein entscheidendes Thema bei der bayerischen Landtagswahl war der Umwelt- und Klimaschutz. Windenergie, umweltschonende Landwirtschaft, sauberer Verkehr: Das bewegt die Wählerinnen und Wähler mehr denn je.

KURIER: Werden Sie für das Volksbegehren für mehr Artenschutz unterschreiben?

Roth: Na klar. Und zwar nicht als Grüne, sondern als Claudia Roth: Artenvielfalt sollte nichts mit Parteipolitik zu tun haben, die geht uns alle an. Wenn wir sie verlieren, zerstören wir den Kreislauf der Natur. Ich hoffe deshalb auf eine breite Beteiligung.

KURIER: Sie haben sich schon als Jugendliche politisch engagiert. Wie kam es dazu?

Roth: Ich bin in einem politischen Elternhaus aufgewachsen. Meine Eltern waren als Querdenker im Dorf bekannt. Die Studentenproteste 1968 haben mich weiter politisiert. Mein Papa hat immer gesagt: »Bilde dir eine Meinung, dann trete dafür ein und halte Gegenwind aus.« Als hätte er es geahnt...

KURIER: Was sagen Sie zum Ende des INF-Abrüstungsvertrags?

Roth: Auch dank der Friedensbewegung konnte mit dem INF-Vertrag die Grundlage für Abrüstung und ein Ende nuklearer Abschreckung gelegt werden. Entsprechend gefährlich ist die Aufkündigung der Vereinbarung. Atomwaffen gehören abgeschafft, in Gänze – dabei bleibt es. Europa muss jetzt Verhandlungsangebote machen, statt einfach hinzunehmen, dass zwei Maskulinisten wie Trump und Putin über unseren Kopf hinweg entscheiden.

KURIER: Auf was kommt es mit Blick auf die Europawahl aus der Sicht der Grünen jetzt besonders an?

Roth: Wir müssen die Errungenschaften unseres vereinten Europas hervorheben: Europa hat uns den Frieden, und Wohlstand, Freizügigkeit gesichert. Aus Feinden sind Nachbarn, aus Nachbarn sind Freunde geworden. Jugendliche können in Polen studieren, wir alle ohne Grenzkontrollen nach Spanien reisen. Hinzu kommt: Weder die Klimakrise noch die Steuerflucht großer Konzerne werden Dänemark oder Deutschland allein in den Griff bekommen. Aber natürlich müssen wir auch Dinge anpacken: Europa muss dringend ökologischer, transparenter und sozialer werden. Und wir müssen das Sterben im Mittelmeer beenden. Dieser Schande gehört dringend ein Ende gesetzt.

KURIER: Wir danken Ihnen für das Gespräch.